Pflegenotstand: Uns droht der Kollaps

Deutschland steuert auf eine Pflege-Katastrophe zu. Es müssen neue Konzepte erarbeitet werden, um den Pflegenotstand zu beheben.
© dpa, Markus Scholz

02. April 2013 - 11:27 Uhr

Zahl der über 80-Jährigen wird dramatisch steigen

Die Zahlen sind erdrückend, die Katastrophe unausweichlich, wenn sich nicht schleunigst etwas ändert: Der Pflegenotstand wird Deutschland mit voller Wucht treffen, die bisher getroffenen Maßnahmen sind absolut nicht ausreichend. Bis zum Jahr 2030 wird der Anteil der über 60-Jährigen um acht Millionen Menschen steigen. Dann werden 28,4 Millionen Deutsche 60 Jahre und älter sein.

Besonders stark wird die Zahl der über 80-Jährigen steigen. Schon jetzt ist fast jeder Dritte über 80-Jährige ein Pflegefall. So gesehen ist die demografische Entwicklung ein echter Motor für Pflegeberufe. Die Branche ist krisensicher und zukunftstauglich. Und trotzdem steuern wir auf einen nie dagewesenen Pflegenotstand zu.

Warum ist das so? Die Altenpflege ist ein anstrengender Beruf. Doch er ist nicht gut bezahlt und das ist der Hauptgrund für den Notstand. Allein in den kommenden Jahren benötigen wir 200.000 zusätzliche Pflegekräfte in Deutschland. Welche Auswege gibt es aus dieser Misere, die uns schon jetzt voll trifft?

Die erste Idee, die unsere Politiker haben, ist Pflegekräfte aus dem Ausland anzuwerben. Schon jetzt arbeiten viele Osteuropäer in der Branche. Hessen kündigte unlängst an, Spanier ins Land locken zu wollen. Schließlich gibt es in Spanien eine sehr hohe Arbeitslosenzahl. Selbst Chinesen sollen nach Deutschland kommen, um hierzulande alte Menschen zu pflegen.

Ist ein übergreifender Tarifvertrag die Lösung?

Die Linke ist der Meinung, es müsse mehr Geld in die Hand genommen werden. Eine Deckelung der landesgeförderten Ausbildungsplätze müsse aufgehoben werden, die Ausbildungskapazitäten müssten angehoben werden, schlägt die Fraktion der Linken im Hessischen Landtag vor.

Auch in Bayern wird nach einer Lösung gesucht. Dort erwägt die CSU die Gründung einer Pflegekammer, analog zur Ärztekammer. Damit würden die Pflegeberufe eine Lobby erhalten. Das alles ist nicht möglich ohne zusätzliche Finanzmittel.

Die könnten auch aus einer Umschichtung kommen. Anstatt zum Beispiel die Praxisgebühr ersatzlos abzuschaffen, hätte man dieses Geld in eine moderate Erhöhung der Pflegeversicherung stecken können.

Bisher gibt es von den Politikern nur Willensbekundungen und Ankündigungen. "Der Pflegeberuf muss wieder attraktiver werden", sagen sie unisono. Das geht aber bei diesem Knochenjob nur über die Bezahlung. Und die ist vor allem bei den kirchlichen Trägern schlecht.

Wer in kommunalen Heimen arbeitet, erhält wenigstens eine Bezahlung nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst. Doch private und kirchliche Einrichtungen sind daran nicht gebunden. Hier könnte ein einheitlicher, übergreifender Tarifvertrag zu einer gerechteren Vergütung führen, glaubt die Gewerkschaft Verdi.

Manche Pflegeheime zahlen sogar schon Prämien für die Anwerbung neuer Mitarbeiter. Dies kann aber nur der letzte Schritt sein. Jetzt ist die Politik gefragt. Sie muss die Bürger überzeugen, dass eine gute Pflege wichtig ist, zumal es jeden treffen kann, selbst ein Pflegefall zu werden.