Debatte über Impfpflicht läuft

Pflegekräfte sind bei Corona-Impfung zurückhaltend - muss es für sie eine Impfpflicht geben?

Pflegekräfte in Altenheimen
Pflegekräfte in Altenheimen
© dpa, Sebastian Gollnow, scg lop lop

12. Januar 2021 - 16:51 Uhr

Erste Berichte über eine geringe Impfbereitschaft im Pflegebereich

Sie arbeiten seit bald einem Jahr bis zur Erschöpfung, um unser Gesundheitssystem am Laufen zu halten und die Corona-Erkrankten zu versorgen: Die Pfleger und Pflegerinnen, Ärzte und Ärztinnen in den Krankenhäusern, Altenheimen und der ambulanten Pflege. Doch jetzt sorgt das Verhalten vieler Corona-Helden für Unverständnis. Ersten Erkenntnissen zufolge wollen viele Pflegekräfte sich nicht gegen das Corona-Virus impfen lassen. Es gibt noch keine repräsentativen Zahlen dazu, doch die die Debatte um eine Impfflicht in der Pflege läuft.

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Söder über Pflegeheime: "Zu hohe Impfverweigerung"

Befeuert hat die Diskussion um eine Impfflicht der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Es gebe "unter Pflegekräften in Alten- und Pflegeheimen eine zu hohe Impfverweigerung", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Der deutsche Ethikrat solle deshalb Vorschläge machen, "ob und für welche Gruppen eine Impfpflicht denkbar wäre."

Genau wie die Bundesregierung hat auch der Ethikrat eine allgemeine Impfflicht in der Vergangenheit ausgeschlossen. Allerdings sei eine berufsbezogene Impfflicht etwa für Pflegekräfte denkbar, sagte der Medizinethiker Wolfgang Henn der "Heilbronner Stimme", noch vor Söders Vorstoß. Henn ist eines von 24 Mitgliedern im Ethikrat.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hingegen bekräftigte die bisherige Position gegenüber einer Impfpflicht: "Wir setzen weiterhin auf Aufklärung", sagte der er nach Informationen von Reuters aus Teilnehmerkreisen in der Fraktionssitzung am Dienstag. Er halte deshalb nichts von Diskussionen über eine Impfpflicht, und ihm gefalle die Tendenz der Debatte nicht. Wichtig sei vielmehr die Wertschätzung der Pflegekräfte.

Söder sehe bei der Impfung eine "Bürgerpflicht" und ist der Meinung, dass eine staatliche Kampagne "an der sich Vorbilder aus Kunst, Sport und Politik beteiligen", zur Förderung der Impfbereitschaft dienen könne.

Weltärztepräsident Montgomery geht noch weiter und fordert allgemeine Impfpflicht

Noch weiter als Söder geht Weltärztepräsident Frank-Ulrich Montgomery mit seinen Forderungen. Er halte nicht nur eine berufsspezifische Impfpflicht für Pflegekräfte und medizinisches Personal für sinnvoll, sondern sagte gegenüber der Funke-Mediengruppe: "Auf Dauer brauchen wir eine allgemeine Impfpflicht gegen Corona."
Dazu müssten jedoch genügend Erkenntnisse über langfristige Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe vorliegen und genug Impfstoffdosen bereitstehen, um allen ein Angebot machen zu können.

In der Bevölkerung dürfte die Forderung Montgomerys nach einer allgemeinen Impfflicht nicht gut ankommen. 72 Prozent der Bundesrepublik sind nämlich der Meinung, dass die Impfung freiwillig sein sollte. Das ergab eine Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL/ntv in der vergangenen Woche.

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Intensivmediziner Janssens ist optimistisch: „die Leute mitnehmen und nicht bashen“

Die gleiche Forsa-Umfrage ergab, dass in der Bundesrepublik 57 Prozent der Menschen dazu bereit seien, sich so schnell wie möglich gegen das Virus impfen zu lassen, sobald sie die Möglichkeit dazu haben.

In Pflegeheimen sei die Situation derzeit vielerorts eine andere. In manchen Einrichtungen seien nur 30 Prozent der Pflegekräfte dazu bereit, sich gegen das Virus impfen lassen zu wollen, sagt der Deutsche Städtetag. Für den Städteverbund kommt eine Impflicht-Diskussion zu früh:

"Wir haben noch nicht alles ausgereizt, was Überzeugungsarbeit angeht. Und jetzt zu sagen, wir können euch nicht überzeugen, also zwingen wir euch, das kommt mir etwas zu früh. Ich fürchte, dass die Geschichte auch nach hinten losgehen kann," äußerte sich Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy im "SWR".

Im St.-Antonius -Hospital Eschweiler ist man ebenso optimistisch. Innerhalb von nur zwei Wochen konnte man hier mithilfe von Fortbildungen die Impfbereitschaft von 50 auf 75 Prozent steigern. Das "sehr neue Virus mit einer ganz neuen Technik, die hervorragend" sei, müsse "den Leuten, auch den Pflegenden, besser vermittelt werden: "Aufklären, mitnehmen und nicht bashen", sagt Intensivmediziner Professor Uwe Janssens im RTL-Interview mit Blick auf die Impf-Skeptiker.

"Früher dauerte es Jahre, bis eine Impfung zugelassen wurde. Jetzt so schnell, und dann noch so ein mRNA-Impfstoff, den man nicht ganz versteht", - das brauche Aufklärungsarbeit, sagt Janssens.

Arbeitsminister Hubertus Heil: „Über eine Impfpflicht zu spekulieren, verbietet sich.“

Für mehr Werbung bei Pflegekräften und Medizinern spricht sich auch Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) aus. "Ich will vor allem Impfakzeptanz. Jetzt geht es darum, aufzuklären, dass Impfen wichtig ist, sagte er in der Sendung "Frühstart" von RTL/ntv.
"Im Moment über eine Impfpflicht zu spekulieren, verbietet sich", äußerte sich Heil. "Ich halte den Weg für richtig, den wir eingeschlagen haben, nämlich, dass wir keine Impfpflicht einführen."

Bayerisches Rotes Kreuz: " Impfpflicht würde zu einer immensen Demotivation führen"

Gegenwind erhält Markus Söder auch aus dem eigenen Bundesland. Das Bayerische Rote Kreuz mahnt, dass "eine Impfpflicht der falsche Weg" sei und begründet "die verhältnismäßig niedrige Impfbereitschaft in den Bereichen der stationären und ambulanten Pflege" mit einer "offensichtlich nicht ausreichenden Aufklärung."

Außerdem, teilt der Träger mit, würde eine staatliche Bevormundung in Form einer Impfpflicht zu einer immensen Demotivation führen.
Das BRK setzt auf mehr Zeit und sei sich sicher, dass die Impfbereitschaft mit jedem Tag und jeder Woche, aber auch mit jedem Geimpften mehr, ganz natürlich steigen würde."

Berufsverband für Pflegeberufe fordert eine bessere Datengrundlage

Auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBP) lehnt eine Impfpflicht für Pflegekräfte ab und reagiert empfindlich auf die von Markus Söder angestoßene Debatte. "Wir sind gegen eine Impfpflicht und kritisieren auch die aktuelle Berichterstattung über die mangelnde Impfbereitschaft beruflich Pflegender, da es bislang unserer Kenntnis nach keine repräsentativen Zahlen dazu gibt", sagt die Vorsitzende des DBP, Christel Bienstein, zu Reuters. Man brauche eine bessere Datengrundlage und eine Informationskampagne für verschiedene Zielgruppen.

In der Tat gibt es bisher keine repräsentative Umfrage und eine umfangreiche Datengrundlage zur Impfbereitschaft in Pflegeberufen. Jedoch berichten mehrere Verantwortliche aus Kliniken und Einrichtungen, dass die Impfbereitschaft unter den Erwartungen liege.
Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die LINKE) hatte schon vergangene Woche darauf hingewiesen, dass ihm von einem Krankenhaus berichtet wurde, in dem sich nur ein Drittel der Mitarbeitenden impfen lassen wollen würde und von einem "handfesten Problem" gewarnt.