Pflegeheime befürchten weitere Corona-Fälle

Alten- und Pflegeheime brauchen aus Sicht der Betreiber dringend mehr Schutzausrüstung im Kampf gegen den Coronavirus. Foto: Hendrik Schmidt/dpa/Archivbild
© deutsche presse agentur

31. März 2020 - 20:00 Uhr

Die Alten- und Pflegeheime stehen wegen der Ausbreitung des Coronavirus vor großen Herausforderungen. Nach Schätzungen der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Niedersachsen wird derzeit täglich mindestens eine Corona-Infektion aus jedem Pflegeheim gemeldet, wie Birgit Eckhardt und Hans-Joachim Lenke vom Vorstand sagten. Eine solch dramatische Lage wie in Wolfsburg gebe es in anderen Einrichtungen derzeit nicht. Lenke zufolge sind dort Stand Dienstagmittag in einem Heim für Menschen mit demenziellen Erkrankungen 18 Bewohner mit einer Coronavirus-Infektion gestorben.

Konkrete Zahlen, wie viele Heime derzeit vom Coronavirus betroffen sind, gibt es für Niedersachsen bislang nicht. "Wir haben die Gesundheitsämter angewiesen, uns diese Zahlen mitzuteilen", sagte die Sprecherin des Sozialministeriums, Stefanie Geisler, am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Bisher sei aus den Daten nicht ersichtlich, ob eine Infektion in einer Pflegeeinrichtung oder zu Hause aufgetreten ist.

Um die Verbreitung des Virus zu verhindern, hat die Landesregierung Besuche in den Einrichtungen verboten. Seit Montag gilt zudem ein Aufnahmestopp für Alten- und Pflegeheime. "Die Einschränkung von sozialen Kontakten, Besuchsverbote und die konsequente und frühzeitig Isolierung von Erkrankten ist das einzige Mittel, was uns derzeit im Kampf gegen Corona zur Verfügung steht", sagte Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD).

Die Diakonie in Niedersachsen äußerte Kritik am Aufnahmestopp, denn dieser erhöhe den Druck auf die ambulanten Versorgungsstrukturen. "Die Situation dort war aber schon vor der Corona-Krise durch den Mangel an Pflegefachkräften labil", sagte Lenke, der auch Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen ist. Für die Pflegeheime sei der Aufnahmestopp zudem eine wirtschaftliche Herausforderung. Den Druck auf die Politik verstehe er. "Die erschreckenden Todesfälle in Altenpflegeeinrichtungen sind uns allen eine große Belastung."

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste in Niedersachsen verwies auf die derzeitige immense Belastung der Pflegenden. "Wir müssen alles tun, um ihnen den Rücken frei zu halten und sie bestmöglich zu schützen. Wir brauchen die verlässliche Aussage, dass die notwendige Schutzausrüstung zur Verfügung gestellt wird", sagte der kommissarische Leiter der Landesgeschäftsstelle, Carsten Adenäuer.

Nach Angaben der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Niedersachsen verzeichnen einige Pflegeheime derzeit mehr Tote als sonst. "Die Zunahme der Todesfälle ist schon so auffällig, dass wir davon ausgehen, dass darunter auch infizierte Verstorbene sind", sagte die Vorsitzende Birgit Eckhardt. Ihr zufolge brauchen die Einrichtungen dringend mehr Schutzausrüstung und umfangreiche Tests. "Wir sind in allergrößter Sorge", sagte sie und forderte mehr Unterstützung durch die Politik.

Aus Sicht der Landesarbeitsgemeinschaft wird derzeit oft zu spät auf das Coronavirus getestet. "Erst dann, wenn jemand Symptome hat, geht die Kette mit den Testungen los", sagte Eckhardt. "Dann ist es in der Regel zu spät, weil sich die Erkrankung unter den Mitarbeitern, die über unzureichende Schutzkleidung verfügen, und unter den Bewohnern ausbreitet." Zur Landesarbeitsgemeinschaft gehören Bezirksverbände der Arbeiterwohlfahrt, Verbände der Caritas, des Deutschen Roten Kreuzes und Einrichtungen des Diakonischen Werkes. Mitglieder sind zudem der Landesverband der Jüdischen Gemeinde von Niedersachsen und der Paritätische Wohlfahrtsverband Niedersachsen.

Das neue Coronavirus, das die Lungenkrankheit Covid-19 auslösen kann, verbreitet sich durch Tröpfcheninfektion. Während das Virus für junge und gesunde Menschen in der Regel keine große Gefahr darstellt, hat die Erkrankung bei älteren Patienten oft schwere Folgen.

Lenke vom Diakonischen Werk verwies auf die besondere Situation der Mitarbeitenden in den Einrichtungen. Pflege ohne körperliche Nähe sei nicht möglich, das Thema Schutzausrüstung müsse eine hohe Priorität bekommen. "Die Einrichtungen haben das, was sie hatten, mittlerweile weitgehend verbraucht." Auf dem freien Markt sei fast nichts zu bekommen. "Und wenn sie was kriegen, ist es sehr, sehr teuer."

In Niedersachsen gibt es nach Angaben des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Niedersachsen rund 1980 Pflegeheime. Davon sind etwa 1230 in privater Trägerschaft, 700 in freigemeinnütziger Trägerschaft und 50 in der öffentlichen Hand. Dem Verband zufolge bieten alle Träger zusammen etwa 114.000 Pflegeheimplätze an und haben insgesamt rund 90.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, ambulante Pflegedienste und Einrichtungen für betreutes Wohnen stehen nach Angaben der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege vor den gleichen Problemen wie die Alten- und Pflegeheime. Alle brauchen demnach dringend mehr Schutzausrüstung und Corona-Tests.

Quelle: DPA