Papst Franziskus vergleicht Europas Lage mit Nazi-Regime: "Hitler hat nicht die Macht geklaut"

Papst Franziskus auf dem Petersplatz in Rom
Papst Franziskus gibt dem vielkritisierten neuen US-Präsidenten Donald Trump eine Bewährungschance.
bsc, dpa, Claudio Peri

"Das Urteilsvermögen funktioniert in Krisenzeiten nicht"

Papst Franziskus hat in einem Exklusivinterview der spanischen Zeitung 'El País' den wachsenden Populismus in Europa kritisiert. In Krisenzeiten suchten die Völker oft nach "Rettern", die sie "mit Mauern und Stacheldraht vor anderen Völkern" beschützen, "die uns unsere Identität nehmen könnten". Das sei "sehr schlimm". Als warnendes Beispiel nannte der Jesuit das Naziregime.

"Hitler hat nicht die Macht geklaut. Er wurde von seinem Volk gewählt und danach hat er sein Volk zerstört", sagte der Papst und fügte an: "Darin liegt die Gefahr. Das Urteilsvermögen funktioniert in Krisenzeiten nicht." Daher sei Dialog in solchen Zeiten sehr wichtig. Jedes Land habe das Recht, seine Grenzen zu kontrollieren, sagte Franziskus. "Aber kein Land hat das Recht, seinen Bürgern den Dialog mit den Nachbarn zu verwehren." Dem vielkritisierten neuen US-Präsidenten Donald Trump gibt der Papst eine Bewährungschance: "Warten wir ab, was er macht, und danach wird bewertet", sagte das Oberhaupt der Katholischen Kirche.

Auf die Frage nach seinen größten Sorgen bezüglich der Kirche sagte der 80-jährige Argentinier, diese müsse die Nähe zu den Menschen aufrechterhalten. "Eine Kirche, die keine Nähe herstellt, ist keine Kirche. Sie ist nur eine gute Nichtregierungsorganisation." Hinsichtlich der Lage der Welt bereiteten ihm derweil die Kriege die größten Sorgen. "Wir erleben zur Zeit einen Dritten Weltkrieg in kleinen Stückchen. Und in jüngster Zeit redet man über einen möglichen Atomkrieg als würde es sich um ein Kartenspiel handeln. Man spielt Karten. Und das bereitet mir die größten Sorgen." In dem Gespräch stellte der Papst auch die soziale Ungleichheit an den Pranger, die Tatsache, "dass eine kleine Gruppe der Menschheit mehr als 80 Prozent aller Reichtümer hat". Im Zentrum des Wirtschaftssystems stehe "der Gott des Geldes", klagte er.