Ostern und Pessach nur im engsten Familienkreis

Das sind die Herausforderungen der Glaubensgemeinschaften in der Corona-Krise

Coronavirus -  Keine öffentlichen Ostergottesdienste
© dpa, Paul Zinken, pdz cul

10. April 2020 - 17:11 Uhr

von Maximilian Storr

Religion lebt von Gemeinschaft. Für viele ist sie ein Anker im Alltag – für manche noch mehr. Egal ob in der Kirche, Synagoge oder Moschee: In diesen Tagen bedeutet Gemeinschaft aber vor allem – Abstand halten. Gottesdienste flimmern momentan nur über den Fernseher, das Smartphone oder den Computerbildschirm. Und das, obwohl die Christen an diesem Wochenende das Osterfest feiern und die Juden Pessach – sie gehören zu den wichtigsten Festen in ihrer Glaubenskultur. Aber das Coronavirus zwingt die Menschen, zu Hause zu bleiben. Das fordert auch die Religionsgemeinschaften heraus. Für sie stellt sich die Frage: Wie versuchen wir, das Zusammenkommen in diesen Zeiten zu ersetzen?

Alte Traditionen aufleben lassen

Friese
Die protestantische Pfarrerin Johanna Friese

Für Johanna Friese ist klar: "Kirche lebt von Gemeinschaft. Und die kann in diesem Tagen nicht so gelebt werden wie sonst." Friese ist Rundfunkpfarrerin und predigt in einer Gemeinde bei Berlin. Aber dennoch habe die Kirche in diesen Tagen eine wichtige Rolle für die Menschen: "Die Kirche muss Trösterin sein, aber auch die Hoffnung wachhalten, dass es wieder anders wird." Und wie funktioniert so etwas in Tagen, in denen Menschen nicht gemeinsam beten können? Zum Beispiel, indem man alte Traditionen wiederaufleben lässt: "Wir ermuntern die Menschen dazu, Osterbriefe zu schreiben oder über Telefonketten miteinander zu sprechen", sagt sie.

Die Orgelspielerin in ihrer Gemeinde verdient ihr Geld normalerweise damit, dass sie junge Menschen im Spielen der Orgel unterrichtet. Jetzt spielt sie jeden Tag um 12 Uhr in der Kirche, um den Menschen Halt zu geben – kostenlos.  Auf der anderen Seite kümmern sich junge Menschen in der Gemeinde um ältere. Nächstenliebe ist das Gebot der Stunde.

Gottesdienste in Altenheim-Innenhöfen

Dominik Meiering
Dominik Meiering. katholischer Pfarrer

Das sieht auch Dr. Dominik Meiering so. Der Katholik ist leitender Pfarrer der Kölner Innenstadtgemeinden. "Es schmerzt in diesen Tagen, keinen gemeinsamen Gottesdienst feiern zu können", sagt er. Doch in dieser Zeit ist auch Kreativität gefragt. Meiering und seine Kollegen halten zum Beispiel Gottesdienste aus den Innenhöfen von Altenheimen. "So hat jeder Bewohner die Möglichkeit, aus seinem Zimmer teilzunehmen." Kreativität ist ohnehin gefragt, es schleifen sich auch aber auch neue Denkmuster ein.

Das beweist eine Anekdote, die Meiering in den letzten Wochen erlebt hat. Er besucht Kölner Obdachlose, will mit sich mit ihnen austauschen, hat aber auch ein Geldbündel in der Tasche, um sie zu finanziell zu unterstützen. Die Menschen hätten sich aber vor allem über das Gespräch gefreut: "Einer sagte zu mir: 'Ihr Seelsorger, ihr seid jetzt wieder richtig wichtig. Jetzt geht es nicht mehr darum, was man besitzt, sondern wie es der Seele geht'". Es sind Worte, die Meiering bewegen.

Schon vor der Schließung aufs Freitagsgebet verzichtet

Aiman A. Mazyek, V. Foto: M. Balk/Archiv
Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland
© DPA

Auch in den Moscheen und Synagogen Deutschlands können derzeit keine Gottesdienste stattfinden. "Wir hatten unser Freitagsgebet schon ausgesetzt, bevor die Schließungen behördlich angeordnet wurden", erzählt Aiman Mazyek von Zentralrat der Muslime in Deutschland. Auch die Muslime versuchen jetzt die Moschee ins Wohnzimmer zu verlagern. Das Freitagsgebet gibt es im Livestream, junge Menschen sollen den Älteren helfen, in der häufig unbekannten Welt des Internets zurechtzukommen. "Unser Gebot lautet nämlich, immer das beste aus der Situation zu machen", sagt Mazyek.

Im besten Sinne versuchen auch die Juden in diesen Tagen Pessach zu feiern. Das Fest läuft seit dem 8. April und soll an die biblische Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Knechtschaft erinnern. In diesem Jahr ist die Familienzusammenkunft durch Corona äußert beschränkt.

Dennoch schreibt Dr. Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats: "Wir sollten uns – bei aller Belastung durch diese Krise, die ich nicht kleinreden will – daher vor Augen führen, wie viele Grundrechte und Freiheiten wir immer noch haben." Und deshalb sei auch Zuversicht angesagt: "Im besten Fall wird diese Krise auch Positives bewirken – eine Entschleunigung unseres Alltags, einen freundlicheren Umgangston, wieder mehr Vertrauen in die politischen Entscheidungsträger."

An oberster Stelle steht die Gemeinschaft

 Vertreter der beiden christlichenen Kirchen bei der ökumenischen Karfreitagsprozession in Berlin. Die Gläubigen gingen von der Marienkirche über mehrere Stationen zum Gendarmenmarkt. snapshot-photography/M.Czapski *** Representatives of the two Chri
Ökumenische Karfreitagsprozession in Berlin (Archivfoto)
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Die Vertreter der Glaubensgemeinschaft betonen in Zeiten von Corona auch die Verantwortung und das Vertrauen in den Staat. Niemand kritisiert das Verbot von Gottesdiensten. Auch das ist Religion – an oberster Stelle soll immer die Gemeinschaft stehen.