Opfer von Polizeigewalt im Gezi-Park: "Einer hat mir das Auge ausgestochen"

12. April 2014 - 10:29 Uhr

RTL-Reporterin Nadja Kriewald berichtet aus der Türkei

Sie kämpfen für Gerechtigkeit, haben endlich den Mut zu erzählen, was ihnen angetan wurde. Im Juni und Juli beherrschten die Proteste im türkischen Gezi-Park die Schlagzeilen. Wochen danach hat RTL-Reporterin Nadja Kriewald die Menschen getroffen, die zu Opfer wurden, weil die Polizei plötzlich Gewalt gegen die Demonstranten anwendete: Ärzte die verhaftet wurden, weil sie halfen. Demonstranten, die schwer verletzt worden, weil sie ihre Meinung äußerten. Unbeteiligte, die ermordet werden sollten, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Opfer von Polizeigewalt im Gezi-Park: "Einer hat mir das Auge ausgestochen"
RTL-Reporterin Nadja Kriewald berichtet aus der Türkei.

"Die Polizisten haben mich getreten, ich bin gefallen, dann haben sie auf meinen Kopf eingeprügelt. Immer wieder. Ich habe zeitweise das Bewusstsein verloren. Einer hat mir mit einer Stange oder so das Auge ausgestochen. Da wurde ich wieder ohnmächtig", erinnert sich Hakan Yaman. Am 3. Juni wurde er auf dem Heimweg am Rand einer Demo von fünf Polizisten zusammengeschlagen. "Sie dachten ich sei tot und haben mich zu einer brennenden Barrikade geschleppt und ins Feuer geworfen. Da bin ich wieder zu mir gekommen, aber ich traute mich nicht, mich zu bewegen. Aus Angst sie kommen zurück."

Yaman überlebte, weil Demonstranten ihn aus dem Feuer zogen und ins Krankenhaus brachten. Er hatte einen Schädelbasisbruch erlitten, mehrere Knochenbrüche, Verbrennungen zweiten Grades am Rücken. Und: Er hat sein linkes Auge verloren. Der 37-jährige, der als Fahrer das Geld für die Familie verdient hatte, ist heute arbeitsunfähig. Er bekommt nicht einmal eine Entschädigung. Es gibt ein Video von der Tat als ihn die Polizisten ins Feuer schleifen. Hakan Yaman hat Ende August Anzeige wegen versuchten Mordes erstattet – nur ein Mal wurde er bisher befragt. Er nimmt Psychopharmaka. Sonst würde er das alles gar nicht durchstehen, sagt er. Er will einfach nur Gerechtigkeit.

"Es war wie ein Horrorfilm"

Auch Hülya Arslan wurde zum Opfer, als sie mit ihrer Mutter im Protestlager campte. Zu Beginn wollten sie den Abriss des Parks verhindern, dann protestierten sie gegen die Regierung Erdogan. Es hieß, man wolle die Demonstranten nicht vertreiben, aber dann ging es nachts los. "Die Polizei hat definitiv exzessiv Gewalt angewendet. Wir haben nur unser Recht zu protestieren ausgeübt und die haben auf nicht legale Weise interveniert. Wir haben Gewalt erlebt, die immer schlimmer wurde. Einige meiner Freunde wurden verletzt, manche sind gestorben. Wegen dieser exzessiven Gewalt habe ich mein Auge verloren", berichtet Arslan.

Mit Wasserwerfern jagte die Polizei die Menschen vom Platz. Sie schoss Tränengas mitten in die Zelte. Dann kamen bewaffnete Polizisten ins Camp. Hülya versuchte sich hinter einen Müllcontainer zu retten. Dort trafen sie mehrere Plastikgeschosse. "Es war wie in einem Horrorfilm. Mein ganzes Gesicht war voller Blut. Ich bekam keine Luft mehr. Blut lief mir aus dem Mund, aus der Nase, aus meinen Ohren", erzählt Arslan. In dem von freiwilligen Ärzte und Helfern errichteten Notlazarett im Gezi-Park wurde sie erst versorgt. Damals hatten die Mediziner Angst vor der Kamera zu sprechen, weil sie Repressalien befürchteten.

"Und die hat es gegeben", sagt Dr. Ali Cergezoglu von der Istanbuler Ärztevereinigung. Am 8. Juli war auch er von der Polizei verhaftet worden. Drei Tage lang war er in Untersuchungshaft. "Diese Verhaftungen zeigen wie Polizei und Regierung über die Gezi-Proteste denken. Die Polizei hat tausende Menschen verletzt und sechs Menschen wurden getötet. Und dann werden Ärzte wie ich verhaftet. Es gab keine rechtliche Grundlage für die Verhaftungen." Jetzt will die Regierung ärztliche Hilfe auf offener Straße bei Protesten sogar per Gesetz verbieten.

"Damit sollen wir Ärzte nur eingeschüchtert werden. Nur im Notfall dürfen wir behandeln. Aber was ist ein Notfall? Damit wäre ärztliche Hilfe wie bei den Gezi-Protesten verboten. Statt medizinische Hilfe zu leisten, haben Ärzte künftig Angst vor einer Gefängnisstrafe. In Folge der Proteste wurden im ganzen Land etwa 5.000 tausend Menschen verhaftet", so Cergezoglu.

Noch immer sind Dutzende in Haft und kämpfen für ihr Recht. Die Polizisten hingegen, die zum Teil Demonstranten schwer verletzt haben, sind weiter auf freiem Fuß. In den meisten Fällen müssen sie nicht einmal ihre Suspendierung fürchten. Ruhat Sena Aksener von Amnesty International arbeitet daran, die einzelnen Fälle aufzuzeigen. Die Menschenrechtsorganisation fordert dringend Aufklärung. "Es müssen Ermittlungen eingeleitet werden gegen die Polizisten, die für diese Gewalt verantwortlich sind. Das ist sehr wichtig. Wir werden diese Fälle weiter sehr aufmerksam beobachten, die Gerichtsverfahren. Das alles muss an die Öffentlichkeit. Denn die Nichtbestrafung solcher Täter ist ein großes Problem in der Türkei", berichtet Aksener.