Opel legt Autoproduktion in Bochum still: Entsetzen bei den Mitarbeitern

11. Dezember 2012 - 20:34 Uhr

Zwischenfall und Proteste bei Belegschaftsversammlung

Für die Beschäftigten des Opel-Werks Bochum sind die schlimmsten Befürchtungen wahr geworden: Auf einer Belegschaftsversammlung verkündete die Geschäftsleitung das Aus für die Autoproduktion. "2016 endet die Fertigung kompletter Fahrzeuge in Bochum", sagte Opel-Interimschef Thomas Sedran. "Die Hauptgründe ... sind der dramatisch rückläufige europäische Automobilmarkt und die enormen Überkapazitäten in der gesamten europäischen Automobilindustrie." Die Opel-Beschäftigten reagierten empört und entsetzt auf die Ankündigungen.

Opel, Bochum, Standort
Der defizitäre Hersteller Opel legt die Autoproduktion in Bochum ab 2016 still.
© dpa, Marius Becker

Als der Opel-Chef nach seiner kurzen Ansprache durch einen Hinterausgang den Saal verlassen wollte, versuchte ihn ein IG-Metall-Vertrauensmann aufzuhalten. Er wurde von Security-Mitarbeitern zu Boden gestoßen, blieb aber unverletzt. Nach der Versammlung verließen viele der Mitarbeiter wortlos das Kongresszentrum. Vor dem Gebäude gab es eine kurze Kundgebung. "Nein zum Tod auf Raten - Kampf um jeden Arbeitsplatz", stand auf einem Plakat. "Wir werden auch nach 2016 in Bochum Autos bauen", sagte der Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel.

Über ein Aus für den Standort im Ruhrgebiet wurde schon seit längerem spekuliert. Opel schreibt seit vielen Jahren rote Zahlen, Bochum gilt als altes Werk mit relativ hohen Lohnkosten. Die Absatzkrise in Europa hat die Lage noch verschärft. Obwohl sich der Markt in den kommenden Jahren kaum erholen dürfte, wollen Opel und die US-Mutter General Motors bis zur Mitte des Jahrzehnts die Gewinnschwelle erreichen. Dazu sollen auch die Materialkosten gesenkt und die Marke gestärkt werden.

Rösler lehnt staatliche Hilfen für Opel ab

Einenkel schwor die Belegschaft auf den Kampf um den Erhalt der Produktionsstätte ein. "In diesem Bochumer Werk wird keiner gekündigt", sagte Einenkel. Mit Blick auf die Pläne des Opel-Vorstands sagte er: "Wir haben ja mindestens vier Jahre Zeit, ihnen klarzumachen, dass wir auch die Jahre danach noch Autos bauen wollen." Ein Ausbau der Teileproduktion könne immer nur eine Ergänzung zur Herstellung ganzer Fahrzeuge sein.

Auch einen möglichen Streik schloss Einenkel nicht aus. Beobachter rechnen derzeit allerdings nicht mit Warnstreiks. Das Werk hat für Anfang Januar zehn Tage Kurzarbeit angemeldet. Daher ist die Position der Arbeitnehmer aktuell schwach. "Aber Opel will schließlich, dass der Zafira bis Ende 2016 anständig vom Band läuft", sagte ein Arbeitnehmervertreter.

Die Bundesregierung bedauerte die Entscheidung des Opel-Managements. "Das ist ein schwerer Schlag für die betroffenen Menschen, für ihre Familien, aber auch für den Industriestandort Bochum", sagte Vize-Regierungssprecher Georg Streiter. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) bedauerte das Aus, lehnte staatliche Hilfen für Opel zugleich ab. "Trotzdem kann Politik hier nicht einspringen. Es ist nicht Aufgabe des Staates, hier dem Unternehmen durch staatliche Hilfen finanziell zumindest kurzzeitig aus der Patsche zu helfen."

Opel spricht seit Juni mit Vertretern des Landes Nordrhein-Westfalen, der Stadt Bochum und den Arbeitnehmervertretern über alternative Nutzungen des Standortes. "Wir haben ein Konzept fertig: Die Entwicklungsgesellschaft 'Bochum Perspektive 2022', die die Aufgabe hat, Arbeitsplätze in Bochum und im Ruhrgebiet zu schaffen." Betriebsbedingte Kündigungen will die Adam Opel AG auch über Jobangebote in anderen deutschen Werken oder attraktive Abfindungen vermeiden.

Das Bochumer Opelwerk ist Deutschlands ältestes nach dem Rüsselsheimer Stammwerk. Hier liefen zum Beispiel zahlreiche Generationen des Opel-Bestsellers Kadett vom Band. Es galt lange Zeit als Beispiel für gelungenen Strukturwandel, denn das Werk entstand auf einem ehemaligen Zechengelände und übernahm bei Produktionsbeginn 1962 zahlreiche ehemalige Kumpel ans Band.