Nicht nur wirksam für Mitmenschen

OP-Masken schützen auch ihre Träger

Einfache OP-Masken sollen nicht nur die Mitmenschen schützen, sondern auch den Träger selbst (Symbolbild).
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31. Juli 2020 - 22:02 Uhr

Analyse verschiedener Studien bringt neue Erkenntnis

Masken tragen wir, um andere zu schützen – so funktioniert die Maskenpflicht zur Eindämmung des Coronavirus. Wie ein Epidemiologe bei der Analyse verschiedener Studien nun herausfand, schützen einfache OP-Masken aber nicht nur andere, sondern senken offenbar auch das Risiko des Trägers erheblich, sich mit dem Coronavirus anzustecken.

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Chirurgischer Mundschutz ist überall zu kaufen

Bislang geht man allgemein davon aus, dass einfache OP-Masken vor allem das Umfeld eines Infizierten schützen, indem sie eine Tröpfchenübertragung verhindern, dem Träger selbst aber wenig nützen. Doch das ist offenbar so nicht richtig. Ein Forscherteam um Holger Schünemann von der McMaster Universität im kanadischen Hamilton wertete systematisch alle Studien zu dem Thema aus und fand Überraschendes heraus.

"Nach unserer Analyse senken Masken das relative Risiko, sich zu infizieren, um etwa 80 Prozent", sagte der deutsche Epidemiologe dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). "Das bedeutet: Wenn das Basisrisiko, sich anzustecken, bei etwa 50 Prozent liegt, wie es etwa für Chorproben beschrieben wurde, dann verringert es sich, wenn ich eine Maske trage, auf 10 Prozent. Ist das Basisrisiko ein Prozent, reduziert sich die Gefahr, sich anzustecken, auf 0,2 Prozent. Wir beziehen uns auf Daten für den einfachen chirurgischen Mundschutz, wie man ihn überall kaufen kann."

OP-Maske als Eigenschutz im Krankenhaus üblich

Genau genommen war für Schünemann nur überraschend, wie stark der Effekt der Masken ist. Denn als im Krankenhaus praktizierender Arzt wusste er schon bisher aus Erfahrung, dass sie auch eine Schutzwirkung für den Träger haben. So werde er von seinen Infektionsschutzkollegen angehalten, eine Maske zu tragen, wenn er das Zimmer eines Patienten betritt, der möglicherweise mit einem Atemwegsvirus infiziert ist, sagte er. "In dem Fall geht es nicht um den Schutz des Patienten - der ist ja leider schon krank." Ein solcher Eigenschutz ist nach Meinung Schünemanns auch auf Kontakte außerhalb des Gesundheitssektors übertragbar. Die WHO habe ihre Leitlinie für bestimmte Risikogruppen auch bereits angepasst, sagt er.

Seine Metaanalyse basiert auf insgesamt 29 Studien, in denen Maskenträger mit Menschen verglichen wurden, die keinen Mund-Nasen-Schutz getragen hatten. Die meisten stammten aus dem Gesundheitswesen, aber einige hätten auch Haushalte, in denen Masken getragen wurden, mit solchen verglichen, in denen das nicht der Fall gewesen sei, so Schünemann. "Wenn es einen nachgewiesenen Infizierten gab, bestimmten die Forscher, wie viele andere Mitglieder des Haushalts sich angesteckt hatten, und verglichen die Haushalte mit und ohne Maskengebrauch. In anderen Studien wurden Infizierte im Nachhinein befragt, ob sie eine Maske getragen hatten."

Metaanalyse kein endgültiger Beweis

Ein endgültiger wissenschaftlicher Beweis für den Ansteckungsschutz sei die Analyse nicht, schränkt der Epidemiologe ein. Die Datenbasis basiere nicht auf randomisierten Studien. Das heißt, die Forscher haben lediglich bestehende Gruppen miteinander verglichen. Beim Randomisieren wären Versuchspersonen in zufällige Gruppen eingeteilt worden, die Masken tragen oder nicht. Oder die Wissenschaftler hätten einen Mund-Nasen-Schutz eingesetzt, der nur wie eine OP-Maske aussieht, aber nicht deren Schutzwirkung hat. Damit hätten sie wie bei Medikamenten-Studien einen Placeboeffekt simulieren können.

Trotzdem geht Schünemann davon aus, dass die Schutzwirkung von OP-Masken hoch ist. Die 80-prozentige Risikoreduktion sei relativ konstant über die Studien zu erkennen, sagte er dem RND. "Nur nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin reicht das, auch wegen anderer Schwächen der Studien, eben nicht, um von mittlerer oder hoher Sicherheit zu sprechen."

Großangelegte Studien kaum möglich

Einen endgültigen Beweis zu erbringen sei schwierig, sagt der Wissenschaftler. Für eine sogenannte randomisierte Studie könnte man beispielsweise "einzelne Bezirke von Städten oder ganze Städte dazu zu bestimmen, eine Maske zu tragen - und andere nicht." Dies sei aber kaum durchsetzbar. Denn weder sei es realistisch, dass in der einen Gruppe sich alle Menschen dazu überreden lassen, eine Maske zu tragen, noch sei zu erwarten, dass in der anderen alle bereit sind, keine zu tragen.

Seine Universität bezeichnet der Epidemiologe als Wiege der evidenzbasierten Medizin, Forschungsmethodik sei daher für ihn extrem wichtig. "Aber wir haben mit den Jahren festgestellt - wenn keine randomisierten Studien da sind, müssen wir uns eben die nicht randomisierten anschauen und dann genau beschreiben, wie sehr wir diesen Arbeiten vertrauen."

Warum bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, eine Metaanalyse wie seine anzufertigen, kann der Forscher erklären. Die Studien aus den Sars- und Mers-Epidemien stammen zu einem großen Teil aus China, daher habe man mit chinesischen Kollegen zum Übersetzen rein chinesischer Studien zusammenarbeiten müssen. Außerdem sei ein Problem, dass in den Expertengremien so viele Bedenken bestünden, diese nicht randomisierten Studien zu benutzen.

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