Olympische Winterspiele in Sotschi: Wirbel um Gaucks Absage

27. Januar 2014 - 10:41 Uhr

Boykott oder nicht?

Bundespräsident Joachim Gauck wird nicht zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi reisen. Das teilte das Bundespräsidialamt der Regierung mit. Seine Sprecherin dementierte zwar, dass es sich um einen Boykott handle. Das Signal an Russland ist dennoch deutlich – und stößt dort auf Missbilligung.

Sotschi: Wirbel um Gaucks Absage
Der Bundespräsident wird nicht zu den Olympischen Spielen reisen.
© dpa, Michael Kappeler

Der 'Spiegel' hatte die Absage so interpretiert, dass der 73-Jährige den Schritt als Konsequenz aus den "Menschenrechtsverletzungen und der Drangsalierung der Opposition" in Russland getan hätte. Gauck hatte in der Vergangenheit wiederholt mehr Rechtsstaatlichkeit und Medienfreiheit in Russland angemahnt. Auch sein persönliches Verhältnis zu Russland gilt als angespannt. Gaucks Vater war mehrere Jahre in einem sibirischen Arbeitslager interniert. Russland steht international wegen Menschenrechtsverletzungen sowie einem harschen Anti-Homosexuellen-Gesetz in der Kritik.

In Russland stieß die Absage auf Missbilligung: "Der deutsche Präsident Gauck kritisierte kein einziges Mal die Tötung von Kindern und Frauen in Pakistan und Afghanistan. Aber er verurteilt Russland so stark, dass er nicht einmal nach Sotschi reisen will", schrieb der

Chef des Auswärtigen Ausschusses im russischen Parlament, Alexej Puschkow, bei Twitter.

Bei den Sommerspielen und Paralympics in London war Gauck im vergangenen Jahr vor Ort gewesen und will auch die deutschen Sotschi-Teilnehmer am 24. Februar bei ihrer Rückkehr in München empfangen. Russland hat das deutsche Staatsoberhaupt seit seinem Amtsantritt im März 2012 noch keinen offiziellen Besuch abgestattet.

Gaucks Sprecherin wies darauf hin, dass es keine feste Regel gebe, dass Bundespräsidenten zu Winterspielen reisten. Auch Horst Köhler sei 2010 nicht im kanadischen Vancouver gewesen. Ob und wie Kanzlerin Angela Merkel (CDU) das Sportereignis besuchen wird, blieb zunächst offen.

Politiker werten Absage als Boykott

Politiker von Union und SPD haben skeptisch auf Gaucks Entscheidung reagiert und werten diese trotz der gegenteiligen Behauptung aus dem Bundespräsidialamt als Boykott. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Schockenhoff, Koordinator für die deutsch-russische zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit, sprach im Interview mit der Tageszeitung 'Die Welt' von einem sehr persönlichen Bekenntnis, "vor dem ich großen Respekt habe".

Es entspreche der konsequenten Haltung des Bundespräsidenten zu Menschenrechtsfragen. Einen generellen Boykottaufruf hält Schockenhoff dennoch für falsch: "Man muss sich fragen, ob man damit nicht auch die Menschen im Land trifft."

Auch der SPD-Bundestagabgeordnete Lars Klingbeil, stellvertretender Vorsitzender der deutsch-russischen Parlamentariergruppe, sieht einen Boykott skeptisch: "Gaucks Entscheidung ist zu akzeptieren, allerdings hätte ein Besuch der Olympischen Spiele auch eine gute Möglichkeit geboten, um Gespräche mit Reformkräften in Russland zu führen und ihren Anliegen in der politischen Debatte mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen", sagte Klingbeil der Welt.

Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) betonte in der 'Rheinischen Post': "Das ist eine starke Haltung des Bundespräsidenten und ein ermutigendes Signal". Der Menschenrechtsbeauftragte Markus Löning nannte die Entscheidung des Präsidenten eine "wunderbare Geste der Unterstützung für alle russischen Bürger, die sich für Meinungsfreiheit, Demokratie und Bürgerrechte einsetzen".