Schräge Analyse wirft Fragen auf

So forciert Bierhoff unfreiwillig die DFB-Krise

04. Dezember 2020 - 20:32 Uhr

Ein Kommentar von Anja Rau

Die jüngste Pressekonferenz mit DFB-Direktor Oliver Bierhoff dauert 90 Minuten. Dabei wirft er mehr Fragen auf, als er Antworten liefert. Denn an Bundestrainer Joachim Löw will der Ex-Nationalspieler nicht rütteln, es gebe keinen Grund dafür. Die damit einhergehende Analyse ist mindestens erstaunlich.

Warum Oliver Bierhoff meint, es gebe wenige Gründe zur Kritik – sehen Sie oben im Video.

"Jetzt gehen wir alle mit einem guten Gefühl aus diesen 90 Minuten", sagt DFB-Pressesprecher Jens Grittner am Ende. Eine Phrase, die die Farce in den vorangegangenen eineinhalb Stunden entlarvt. Friede, Freude, Eierkuchen soll bitte rund um den DFB und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft herrschen. Platz für Kritik, Diskussionen und ein Problembewusstsein gibt es nicht. Das macht DFB-Direktor Oliver Bierhoff auf der Pressekonferenz nach der DFB-Präsidiumssitzung deutlich. Obwohl er zunächst einen 35-minütigen Monolog hält und dabei vermeintlich analysiert, was in der letzten Zeit so passiert ist. Fragen von Journalisten werden erst im Anschluss an die Rede entgegen-, teilweise pikiert zur Kenntnis genommen und unwirsch beantwortet.

Es ist eine 35-minütige Präsentation - mit Folien, jawohl -, in der Bierhoff darstellen will, dass alles gut ist bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Dass gar keine Krise herrscht, wie die Öffentlichkeit und die Medien es darstellen. Dass Bundestrainer Joachim Löw einen sehr guten Job macht und es keinen Grund für Kritik an der Personalie gibt. Bierhoffs Fazit: "Es ist ein tolles Ergebnis, was der Bundestrainer unter diesen Herausforderungen und Schwierigkeiten erreicht hat."

Den Zuhörern bleibt viel Zeit für Kopfschütteln und große Irritation. Denn: Wenn Bierhoff ausführlich darzustellen versucht, welche Änderungen es im Spielsystem und Spielstil es gab, dass Löw das Team weiterentwickelt wie vom DFB gewünscht, dass die Spieler voll hinter Löw stehen, dass in diesem Jahr alle Ziele erreicht wurden, dann verfehlt seine Analyse die tatsächlichen Probleme.

Ziele sind eigentlich selbstverständlich

Bierhoff reduziert den öffentlichen Ärger über das DFB-Team auf die 0:6-Klatsche gegen Spanien. "Wir sind total unzufrieden und frustriert", sagt er. Vorher seien doch aber alle Wünsche erfüllt worden: Das Team hat sich für die EM qualifiziert, das Team bleibt in der Nations League in der besten Gruppe A, das Team ist eines der Gruppenköpfe für die am Montag folgende WM-Auslosung. Alles Ziele, die für eine deutsche Nationalmannschaft eine Selbstverständlichkeit sein sollten. Oder ist eine EM-Qualifikation gegen Estland, Nordirland, Belarus und die Niederlande plötzlich eine besonders schwere Aufgabe? Genauso sollte eine Nations-League-Gruppe neben Spanien mit der Schweiz und der Ukraine keine unüberwindbare Hürde sein.

Ja, das Spanien-Spiel war bitter, ja es bildet den unrühmlichen Schlusspunkt des Länderspieljahres und wirkt damit besonders nachhaltig nach. Doch zur Wahrheit gehört, dass die vorangegangenen Spiele keineswegs überzeugend waren und die Fans von den Sesseln gerissen hätten. Vielmehr wurden Siege leichtfertig hergeschenkt, es hagelte Gegentore in der Nachspielzeit. Klar, 2020 beendet das DFB-Team mit nur einer Niederlage - Spanien - aber eben auch mit vier Unentschieden und nur drei Siegen, die nicht einmal deutlich ausfielen.

Das Problem der Objektivität

Es ist eine Analyse, die zu kurz greift. Denn Bierhoff meint, dass das Pandemie-Jahr 2020 eben ein besonders schweres sei. Eines, in dem die Entwicklung natürlich stagniert hätte, aber da sei ja nichts zu machen gewesen. Andere Nationen und Teams hätten eben aufgrund der Ausnahmesituation auch schon verloren - was eben gleichzeitig nicht erklärt, warum das DFB-Team von anderen Nationen überrumpelt werden kann. Dabei übergeht er zugleich, dass die Außendarstellung nicht erst seit 2020 leidet, sondern spätestens seit der WM-Schmach von 2018.

Es ist ein Monolog, der zeigt, dass es Bierhoff an Objektivität mangelt. Verständlich nach mehr als 14 gemeinsamen Jahren in der Nationalmannschaft, aber eben auch gefährlich, um das bestmögliche für die Sache herauszuholen. "Um das Verhältnis mit Jogi zu klären: Wir haben ein sehr professionelles und vertrauensvolles Verhältnis. Wir wissen, was jeder am anderen hat", erklärt Bierhoff. Dennoch gebe es natürlich Klarheit darüber, dass man sich gegenseitig sagen kann, wenn es nicht mehr gemeinsam weitergeht - behauptet er zumindest. Und der "Jogi" habe gesagt, man solle ihm sagen, wenn einer meint, dass es mit ihm nicht mehr weitergeht. Bierhoff sagt dabei "Jogi", nicht "Joachim", schon gar nicht "Löw". Er macht auf der Pressekonferenz überdeutlich, dass kein Blatt Papier zwischen sie passt, so überzeugt ist der DFB-Direktor vom Trainer.

Diese vermeintliche Analyse, da hätte er noch länger reden können, reicht nicht. Nicht, um die Diskussionen um Löw zu beenden. Nicht, um sich selbst von jeder Kritik freizusprechen. Nicht, um auch nur annähernd glaubhaft zu machen, dass eine ernsthafte Debatte um den Trainer überhaupt nur stattgefunden hat. Stattdessen igelt man sich beim DFB ein in angebliche gute Laune, in eine heile Welt ohne Zugang zur ach so gemeinen und undankbaren Öffentlichkeit. Das macht der Satz "Jetzt gehen wir alle mit einem guten Gefühl aus diesen 90 Minuten" überdeutlich.

Anja Rau
ntv.de