Wissenschaftler warnen vor Vorschlag zu ungebremster Infektionsausbreitung

Offener Brief: Warum dieses Konzept zur Herdenimmunität völlig falsch ist

Sollte man die Ausbreitung des Coronavirus zulassen, um Herdenimmunität zu erreichen?
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15. Oktober 2020 - 13:08 Uhr

„Dies ist ein gefährlicher Irrtum“

Die Corona-Zahlen steigen wieder. Und auch wenn es sogar wieder strengere Maßnahmen gibt, um die Ausbreitung einzudämmen, dürften sich einige fragen, ob es nicht besser wäre, dem Infektionsgeschehen seinen Lauf zu lassen, um sobald wie möglich Herdenimmunität zu erreichen. In einem offenen Brief im medizinischen Journal "The Lancet" sprechen sich nun mehrere Wissenschaftler dagegen aus. "Dies ist ein gefährlicher Irrtum, der nicht durch wissenschaftliche Beweise gestützt wird", heißt es dort.

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US-Forscher schlagen unkontrollierte Ausbreitung unter Jüngeren vor

Zu Beginn der Pandemie hätten viele Länder Lockdowns verhängt, um das Infektionsgeschehen einzudämmen und so eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Diese Strategie wurde jedoch nicht in jedem Land verfolgt. Schweden beispielsweise wählte einen Sonderweg, der bis heute umstritten ist. Einige glauben, dass die hohen Todeszahlen mit einem strengeren Weg vermeidbar gewesen seien, andere vermuten hingegen, dass das skandinavische Land dadurch von einer heftigen zweiten Welle, wie sie derzeit in fast allen anderen Ländern Europas wütet, verschont geblieben sei.

In den USA wurde kürzlich ein Vorschlag mehrerer Wissenschaftler herausgebracht, der unter anderem Unterstützung durch das Weiße Haus erhielt. Darin wurde eine Strategie zum Erreichen von Herdenimmunität vorgestellt, bei der es erlaubt werden sollte, dass das Coronavirus sich unter jungen und gesunden Bürgern ungebremst ausbreitet, während ältere Patienten und Risikogruppen geschützt werden. Dadurch, so der Vorschlag, könne Herdenimmunität durch Infektionen statt durch eine Impfung erreicht werden.

„Würde zu wiederkehrenden Epidemien führen“

Gegen diesen Vorschlag richtet sich der Artikel in "The Lancet". Das Konzept sei "unangebracht, unverantwortlich und schlecht informiert", schreibt auch die Infectious Diseases Society of America. Laut den Wissenschaftler hinter dem "The Lancet"-Artikel, zu denen Dr. Nahid Bhadelia von der Boston University School of Medicine und Dr. Rochelle Walensky von der Harvard Medical School gehören, würde die unkontrollierte Ausbreitung unter jungen Menschen das Risiko der Sterblichkeit erheblich erhöhen. Dies wäre nicht nur ethisch nicht vertretbar, sondern hätte durch den Wegfall von Arbeitskräften auch wirtschaftliche Folgen. Außerdem gebe es noch nicht hinreichend Beweise dafür, dass man nach einer Ansteckung auch langfristig immun sei. Zudem sei auch noch zu wenig über die Langzeitfolgen von Covid-19 bekannt.

"Eine solche Strategie würde die Covid-19-Pandemie nicht beenden, sondern zu wiederkehrenden Epidemien führen, wie es mit zahlreichen Infektionskrankheiten der Fall ist, bevor eine Impfung aufkommt."

Auch wenn es also schwer sei, das öffentliche Leben und die Wirtschaft durch Einschränkungen und Lockdowns herunterzufahren, würde sich nur durch solche Maßnahmen sicherstellen lassen, dass die Ausbreitung genug eingedämmt wird, um Infektionketten nachverfolgen und durchbrechen zu können, so die Forscher.

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