Kolumne von Betti Letto

Offene Ehe, offenes Herz: Sexting und das Sex-Ding am Autobahnrasthof

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2. Oktober 2019 - 14:16 Uhr

Wenn Treue nicht länger eine Pflicht ist

Was, wenn das klassische Konzept der Monogamie für einen der Partner einfach nicht funktioniert? Wenn der Wunsch nach Zärtlichkeit mit anderen Menschen das ganze Leben überlagert? Unsere Autorin Betti Letto (ein selbst gewähltes Pseudonym) hat genau das erlebt. Deshalb schlossen sie und ihr Mann einen Pakt: Beide dürfen ihre Sex-Phantasien mit anderen ausleben. Betti Letto wird von nun an über ihre Erfahrungen in einer offenen Ehe berichten. Hier ist der dritte Teil ihrer Kolumne.

Wie anstrengend muss es sein, die eigenen Bedürfnisse ständig zu verbergen?

Angekommen? Im Leben ja. In unserer offenen Beziehung? Noch nicht wirklich. Nach meinem ersten Date ging es Schlag auf Schlag. Immer wieder wurde ich von unwiderstehlichen Männern angeschrieben, habe zurückgetextet und hatte eines Abends ein virtuelles "Kennenlerndate" über einen Messenger. Er war umwerfend charmant, sexy und ziemlich scharf auf eines: Sexting... Aber bitte erst ab 19 Uhr - seine Frau sei dann nicht zu Hause und die Kinder im Bett.

Er schrieb wie im Wahn, turnte nackt auf dem Familiensofa herum, schickte Bilder davon, stöhnte Nachrichten in den Lautsprecher und ich warf ihm ab und an einen geschriebenen Brocken Erotik hin. Für mich eher belustigend, für ihn ernsthafte Befriedigung seiner sexuellen Vorstellungen.

Fast verzweifelt erzählte er mir von seiner bevorstehenden Hochzeit, dem Kick, den er immer wieder online mit anderen Frauen sucht. Und ich dachte mir nur: Wie anstrengend muss es sein, die eigenen Bedürfnisse nicht offen ansprechen zu können? All diese Heimlichkeiten. Durch die Zwangsjacke der Gesellschaft wird gelogen und betrogen, was das Zeug hält.

Nach dem virtuellen Kennenlernen wollte er mich zeitnah persönlich kennenlernen. "Endlich komme ich zu meinem Schnupperkaffee", dachte ich. Denn ohne den wollte ich mit keinem etwas starten (ich war da wirklich noch sehr naiv). Aus dem Kaffee wurde ein Treffen auf einem Autobahnrasthof.

Mein Gehirn hatte Sendepause und ich machte, was er sagte

Total aufgeregt fuhr ich hin, er stand schon im Dunkeln an seinem Transporter auf dem verabredeten Parkplatz. Nachdem wir uns bibbernd und lachend unterhalten hatten, ergriff ich die Initiative, denn wenigstens knutschen wollte ich doch! Aus der netten Knutscherei wurde schnell eine heftige Fummelei, wie ich sie das letzte Mal mit 20 im Berliner Tiergarten hatte (damals, auf der Loveparade...). Seine Worte versprachen erneute Treffen in kuscheligen Hotels, gemeinsame Nächte, endlosen Sex und bitte, ob ich denn nicht in seinen Transporter einsteigen könnte. Er hätte so Bock auf mich.

Das Gehirn hatte auch bei mir schon Sendepause und kurzentschlossen sind wir im Laderaum verschwunden. "Sag mir nur, was ich machen soll", bat ich ihn. "Leg dich hin, da sind Decken, den Rest mache ich". Er zog mir nur ein Hosenbein aus, ich hörte das Ratschen der Kondomverpackung und sah ihn im Dämmerlicht über mir. Das Ganze war wie ein Kurzfilm: Schnell vorbei, man muss darüber nachdenken, um wirklich den Sinn zu verstehen und im Nachinein fragt man sich, ob man die Zeit nicht hätte besser nutzen können...

Bin ich eine böse Verführerin?

Nach vielen Monaten des Datings bin ich der festen Überzeugung, dass 7 von 10 Männern (und auch viele Frauen, wie mein Mann berichtet) irgendetwas am Laufen haben. Sei es ein erotischer Chat, eine Affäre, sei es die Suche nach dem Kick, der Flirt, die Lust auf etwas Neues oder Anderes. Ich verurteile diese Menschen nicht. Es liegt in unserer Natur und nennt sich "Sicherung des Fortbestandes mit größtmöglichem Genpool".

Aber ich werde gerne in die Rolle der "bösen Verführerin" gedrängt. Ohne mich käme angeblich manch einer gar nicht auf die Idee fremdzugehen. Naja, vielleicht wecke ich Bedürfnisse - aber nie welche, die nicht schon vorhanden sind. Für diese Sichtweise werde ich sehr oft harsch kritisiert. Aber sind nicht alle Beteiligten erwachsen und können ihre Entscheidungen selber treffen?

Ich las von seiner neu entdeckten bisexuellen Neigung

Den jungen Mann mit dem Transporter habe ich nicht noch einmal getroffen. Nach dem kurzen Abenteuer in seinem Sprinter haben wir noch geschrieben. Er wünschte sich neue Treffen im Hotel, gerne auch mit einem anderen Mann, den er zwischenzeitlich kennenlernen durfte. Ich las von seiner entdeckten bisexuellen Neigung und konnte seine Begeisterung förmlich spüren. Hoffentlich hatte er noch viel Spaß. Denn er ist - wie fast alle Männer, die ich kennenlernen durfte - ein feiner Kerl.

Teil 1 der Offene-Ehe-Kolumne: Wie mein Mann mich für Sex mit Fremden freigab
Teil 2: Unsere 3 goldenen Regeln für Affären