Özil gegen Dortmund: Unauffällig aber spielentscheidend

Spielte unauffällig, hatte aber maßgeblichen Anteil am Sieg: Mesut Özil.
Spielte unauffällig, hatte aber maßgeblichen Anteil am Sieg: Mesut Özil.
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20. November 2013 - 19:57 Uhr

Mesut Özil glänzt nicht beim Sieg seines FC Arsenal beim BVB, das Team aus London hat sich emanzipiert von der Tagesform seines Spielmachers. Dennoch verantwortet er die entscheidende Szene - dank seiner Ruhe am Ball.

Mesut Özil kam als letzter Spieler aus der Kabine, der Arsenal-Bus hatte schon längst umgeparkt und den Bauch des Westfalenstadions verlassen. Der Schlusspfiff, der die 0:1-Niederlage der Dortmunder Fußballer besiegelte, lag bereits eine Stunde zurück, es regnete immer noch. Trotzdem hatten erstaunlich viele Fans ausgeharrt und zückten ihre Kameras, als Arsenals Spielmacher endlich aus den Stadionkatakomben heraus und an den deutschen, englischen und türkischen Medien vorbei stürmte. Alle wollten Özil. Doch Özil wollte nicht. "Bruder", rief er im Laufschritt auf Türkisch, "ist verboten". Er dürfe nicht reden. Vielleicht wollte er auch nicht mehr. Dabei hätte man ihm doch gerne ein paar Fragen gestellt: Wie er seinen ersten Auftritt in Deutschland mit seinem neuen Verein bewertete? Und vor allem: Ob dieser Sieg zeigte, dass Arsenals Stärke sich von der Tagesform Özils emanzipiert hat?

Özil hatte vor dem Spiel den Gegner Borussia Dortmund zu einem der Favoriten erklärt: "Wer bei uns gewinnt, gehört zu den Titelfavoriten in der Champions League." Nun hat sein FC Arsenal wiederum in Dortmund gewonnen, vor dieser beeindruckenden Kulisse von 65.829 Zuschauern. Und auch wenn kein Dortmunder den Zusammenhang vorher so formuliert hatte, darf man doch behaupten, dass Özils Aussage auch umgekehrt nicht ganz falsch ist: Wer in Dortmund gewinnt, gehört zu den Favoriten. Nun lässt sich aber darüber streiten, inwieweit Özil Anteil hatte am knappen Erfolg seiner Mannschaft. Normalerweise hat Arsenal ein Problem, wenn seine Nummer 11 einen schlechten Tag erwischt. Und die Zettel mit den Spielstatistiken, die nach der Partie verteilt wurden, legen nahe, dass er gestern Abend keineswegs der überragende Spielmacher war, für den ihn die englischen Medien seit seiner Ankunft in London vor knapp zwei Monaten bejubeln.

Gerade einmal 57 Prozent seiner Pässe fanden das Ziel - der schlechteste Wert aller Arsenal-Spieler. Trainer Arsene Wenger befand: "In der ersten Halbzeit haben wir ihn nicht wirklich gesehen." Allerdings ist es aufschlussreich, die Zahlen der gesamten Teams zu vergleichen. Schnell wird klar: Özils schwache erste Halbzeit wurde von seinen Teamkollegen aufgefangen. Insgesamt verbuchten sowohl Dortmund als auch Arsenal 74 Prozent erfolgreiche Pässe und beinahe identische Ballbesitz-Anteile. Zwei spielstarke Mannschaften, die Wert auf Ballstafetten, Pressing und schnelles Umschaltspiel legen, neutralisierten sich weitestgehend. Man könnte sagen: Dieser Sieg war eine Kollektivleistung - trotz Özil. Und die Botschaft, die er abends per Twitter absetzte, zeigt auch, dass er weiß, bei wem er sich zu bedanken hat: "Jeder hat unseren Team-Spirit gesehen. Es war großartig, in Dortmund zu gewinnen."

Trotz Özil? Oder dank Özil

Man könnte aber auch sagen: Dieser Sieg war eine Kollektivleistung - auch dank Özil. Denn trotz schwacher erster Hälfte ließ Wenger ihn auch die komplette zweite Halbzeit auf dem Feld, wo er dann "sehr gut spielte", wie Wenger lobte. Özils unspektakuläre Aktionen verursachen spektakuläre Situationen. So zu bestaunen in der 62. Minute: Am Rande des Sechzehners bekam er den Ball, sein Gegenspieler Marcel Schmelzer stellte sich ihm in den Weg. In völliger Kontemplation wartete Özil und analysierte kurz die Szenerie im Dortmunder Strafraum. Aus dem Stand heraus flankte er dann auf Giroud, dessen Kopfball Ramsey zum einzigen Tor verwertete.

"Meine Mannschaft war geschockt", sagte Roman Weidenfeller, von dieser "Dreckskiste", wie Trainer Jürgen Klopp verärgert kommentierte. Per Mertesacker sagte: "Genau das ist es, was heute den Unterschied ausgemacht hat." Kein Zweifel: Es war die spielentscheidende Szene. Und Özils Ruhe war ausschlaggebend. Das ist insofern von Ironie, als dass Jürgen Klopp vor der Partie seine Spielphilosophie mit der von Arsene Wenger mit Musik verglichen hatte.

"Bei ihm ist das Fußballspielen wie ein Orchester", hatte Klopp gesagt. "Aber es ist ein leiser Song, oder? Ich bevorzuge Heavy Metal. Ich mag es immer laut." Wenger hatte gekontert: "Ich bin kein Musikspezialist, aber Dortmund hat ein sehr gutes Team, also werden wir wohl eine gute Symphonie sehen." Er sollte Recht behalten. Man kann Özils Schweigen auch dahingehend interpretieren: Die leisen Töne machen die Musik. Gestern spielte er ganz piano.

Quelle: n-tv.de