Fünf Jahre Haft

Eltern ließen kranke Tochter (13) sterben - sie glaubten, Gott würde Rahel heilen

13. Februar 2020 - 9:49 Uhr

Rahel ging es schlecht, einen Arzt holte niemand

Rahel starb am Abend des 17. September 2019 – nur zehn Tage nach ihrem 13. Geburtstag. Bei seinem Tod wog das Mädchen, das mit seiner Familie im österreichischen Wolfshoferamt wohnte, nur noch 30 Kilo. Das Geschworenengericht in Krems an der Donau hat nun die Eltern der groben Vernachlässigung des Kindes mit Todesfolge schuldig befunden und sie zu fünf Jahren Haft verurteilt. Mutter und Vater sollen von der chronischen Bauchspeicheldrüsenentzündung des Mädchens gewusst, aber nichts unternommen haben, um ihre Tochter zu retten - aus religiösen Gründen. Im Video sagt der Anwalt der Eltern, warum sie glauben, trotzdem alles in ihrer Macht stehende getan zu haben.

Eltern nicht wegen Mordes verurteilt - Staatsanwaltschaft will Berufung einlegen

"Jedes Kind, das wir bekommen haben, ist ein Geschenk Gottes und wir haben es angenommen. Es tut uns sehr leid, wir haben unser Kind nicht getötet", sagt die Mutter, kurz bevor das Urteil fällt. Bis zum Schluss habe man auf Gott vertraut, begründen die Eltern ihren Schritt, ihre Tochter nicht ins Krankenhaus gebracht zu haben. Beide gaben zu, dass sie ihr Kind vernachlässigt und Hilfe unterlassen haben, ein Mord waren die Geschehnisse vor fünf Monaten ihrer Meinung nach aber nicht.

Das Geschworenengericht folgte dieser Sicht und verurteilte beide letztlich nicht wegen Mordes, aber wegen grober Vernachlässigung einer unmündigen Person mit Todesfolge zu fünf Jahren Haft. In dieser Beurteilung waren sich die acht Laienrichter einig. Die Staatsanwaltschaft will allerdings Berufung gegen dieses Urteil einlegen.

Es dauerte drei Tage, bis Rahel ins diabetische Koma fiel

Rahels Leid zog sich über Jahre hin. Bereits im Juni 2017 meldete sich der Freund der Tante des Mädchens bei den Behörden in Österreich. "Nachts schreit das Kind vor Schmerzen. Die Eltern wollen jedoch keine ärztliche Hilfe holen, weil sie glauben, dass Gott das Kind heilen muss", schrieb er an das Jugendamt in Krems an der Donau (rund 70 Kilometer westlich von Wien).

Rahels Eltern sind deutsche Staatsbürger, die der Glaubensgemeinschaft "Gemeinde Gottes" angehören. Laut dem Freund der Tante sollen sie unter anderem nach Österreich gezogen sein, um der Schulpflicht in Deutschland zu entgehen. Keins der Kinder des Paares ging in einen Kindergarten oder in eine Schule. Alle wurden zuhause unterrichtet und religiös erzogen. Auch zum Arzt gingen die Eltern mit ihren Kindern nicht.

"Unser Glaube ist: Wir vertrauen darauf, dass Gott jede Krankheit heilt", sagte der Vater während des Prozesses. Er als Vater hat angefangen, zu fasten und zu beten, als es seiner Tochter schlecht ging. "Wir glauben auch, dass Gott Tote auferwecken kann", erklärt er vor Gericht. Auf die Frage der Richterin, wie man seinem Kind drei Tage lang beim Sterben zuschauen könne, antwortet der Vater (39): "Indem man auf Gott vertraut". Die Mutter des Mädchens weinte vor Gericht. "Keine Mama möchte, dass ihr Kind stirbt", sagt sie, glaubt aber auch fest: "Gott ist unser Arzt".

Glaubensgemeinschaft der Eltern glaubt an Heilung durch Gott

Ulrike Schiesser, Psychogin und Psychotherapeutin in der Bundestelle für Sektenfragen
Ulrike Schiesser ist Psychologin und Psychotherapeutin in der Bundestelle für Sektenfragen in Wien.
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Ulrike Schiesser kennt solche Glaubensgemeinschaften gut. Sie arbeitet seit Jahren als Psychologin und Psychotherapeutin in der Bundestelle für Sektenfragen in Wien. "Unter dem Begriff "Gemeinde Gottes" gibt es eine ganze Reihe unterschiedlicher Gruppen", erklärt sie. Eine dieser Gruppen sei in Österreich auch anerkannt. Die Gruppe, zu der Rahels Eltern gehören, sei aber eine andere Splittergruppe. "Die Regeln, nach denen diese Menschen leben, sind sehr stark von der Bibel inspiriert", erklärt sie.

Immer wieder käme es in solchen Gruppierungen vor, dass kranke Menschen nicht behandelt würden, "weil man sagt: 'Ich glaube an Gott, ich glaube an die Heilung'". Manche würden auch glauben, dass die Krankheit an sich eine Art Sünde sei, die sich nur durch Bekehrung und Gebet bekämpfen lasse.

Rahel starb kurz nach ihrem 13. Geburtstag

Erst als das Jugendamt nach dem Brief des Bekannten Druck machte, kam Rahel vorübergehend ins Krankenhaus. Ihr Gesundheitszustand war da schon lebensbedrohlich. Das Mädchen hatte Schmerzen, einen aufgeblähten Bauch, Atemprobleme und hustete Blut. Nach nur acht Tagen in der Klinik drängten die Eltern auf eine Entlassung Rahels aus dem Krankenhaus. Entgegen ärztlichen Rats setzten sie sich schließlich durch. Die Familie erschien daraufhin wohl noch zu einem Kontrolltermin und zum Fäden ziehen – danach sah Rahel aber keinen Arzt mehr.

Das hatte fatale Folgen. Kurz nach ihrem 13. Geburtstag verschlechterte sich Rahels Gesundheitszustand dramatisch. Das Mädchen habe wieder über starke Bauchschmerzen geklagt und weniger gegessen. In der Nacht auf den 15. September wurde das Mädchen nachts mehrmals wach, weil es so durstig war. Am 16. September konnte Rahel dann offenbar gar nichts mehr essen und bekam nur noch ein bisschen Tee und Wasser von ihrer Mutter eingeflößt. Am 17. September fiel das Mädchen in ein diabetisches Koma und starb gegen 22 Uhr.

Bei ihrem Tod wog Rahel nur noch 30 Kilo

Prozess nach Tod von 13-Jähriger
Rahels Eltern müssen sich nach dem Tod der 13-Jährigen in Österreich vor Gericht verantworten.
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Rahels Eltern saßen währenddessen am Bett des Mädchens und riefen nicht den Notarzt, obwohl das ihre Tochter höchstwahrscheinlich gerettet hätte. Sie hatten sich offenbar mit dem Sterben des Mädchens abgefunden. Sie sahen einfach zu, wie ihre Tochter immer weniger wurde, bis ihr Körper schließlich aufgab.

Rahel starb letztendlich an Herz-Kreislaufversagen infolge eines diabetischen Komas. Ihre Bauchspeicheldrüse war krankhaft verändert, sie litt unter Blutarmut und einer Lungenentzündung und wog nur noch 30 Kilo – normal wären in ihrem Alter 41 bis 59 Kilo.