Öffentlicher Nahverkehr leidet unter Corona

"S-Bahn Rhein-Main" ist auf einem S-Bahn-Zug zu lesen. Foto: Andreas Arnold/dpa/Archivbild
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13. September 2020 - 10:30 Uhr

Bis zu ein Drittel der Fahrgäste fehlt weiterhin: Die Corona-Pandemie hat die Fahrgastzahlen in Bussen und Bahnen einbrechen lassen. Der Tiefstand aus dem April, als noch strenge Kontaktbeschränkungen galten, ist zwar überwunden. Doch selbst die sonst so volle S-Bahn im Rhein-Main-Gebiet kommt Monate später nur auf gut 65 Prozent Auslastung. Ein Überblick über die Situation:

- Kurzarbeit, Home-Office und das weiter geltende Verbot für Großveranstaltungen nennt der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) als Ursachen für die noch nicht erholten Fahrgastzahlen. Im April waren nur 10 bis 20 Prozent der Fahrgäste unterwegs, seit Mai wird ein Anstieg verzeichnet. "Wir gehen von weiteren Steigerungen aus, insbesondere in den vergangenen Wochen war ein merklicher Anstieg der Fahrgäste zu verzeichnen", erklärt der RMV. Der nordhessische Verkehrsverbund NVV berichtet von einer durchschnittlichen Auslastung von aktuell 80 Prozent.

- Die finanziellen Einbußen für die Verkehrsunternehmen waren vor allem anfangs gewaltig: Seit Mai wurde im RMV wieder nach Regelfahrplan gefahren - obwohl kaum Fahrgäste unterwegs waren. Im April betrug der Rückgang bei den Einnahmen aus den Ticketverkäufen bis zu 80 Prozent, im Mai lag er um die 40 Prozent. Auch Juni und Juli lagen unter dem Niveau der Vorjahresmonate. Wie sich dies langfristig auswirkt, ist noch unklar. "Da die Lage sehr dynamisch ist, ist eine Einschätzung der Gesamteinbußen zum Jahresende nach wie vor Spekulation", heißt es beim RMV.

- Um weitere Fahrgäste zurück in die Busse und Bahnen zu locken, werben die Verkehrsunternehmen mit zahlreichen Hygienemaßnahmen, darunter die regelmäßige Desinfizierung von Automaten und Fahrzeugen, der Einbau von Trennscheiben und Durchsagen zur Einhaltung der Pflicht zur Bedeckung von Mund und Nase. Auch technische Neuerungen werden eingesetzt: Der RMV bietet seit Donnerstag auf seiner mobilen Website eine Auslastungsprognose an, die auch automatisch Alternativen anzeigt. Nach der Deutschen Bahn hat zudem nun die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) eine Rolltreppe so ausgestattet, dass der Handlauf automatisch mit UV-Licht desinfiziert wird.

- Apropos Maskenpflicht: Für den Vorschlag, dass auch Kontrolleure in Bussen und Bahnen Verstöße ahnden können, gab es zuletzt keine Mehrheit unter den Verkehrsministern der Länder. In Hessen arbeite man dennoch auf eine einheitliche Lösung hin, erklärte ein Sprecher von Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne). Bisher dürfen nur Stadt- oder Landespolizei das geltende Bußgeld in Höhe von 50 Euro erheben. Der RMV geht davon aus, dass sich ein Prozent der Fahrgäste nicht an die Pflicht zur Bedeckung von Mund und Nase hält.

- Die Fahrgastzahlen würden sich nicht automatisch erholen, schreibt das Infas-Institut zu einer Befragung vom Mai 2020. Das aktuelle Minus werde sich reduzieren, aber nicht vollständig verschwinden. "Die Branche muss aufpassen, nicht zu einem Transporteur für die weniger Wohlhabenden zu werden", heißt es darin. Der Befragung zufolge stiegen vor allem Besserverdienende in der Pandemie aufs Auto um. Wenn Homeoffice und Kurzarbeit blieben, müsse zudem neu kalkuliert werden.

- Handeln sei nötig, sagt auch der Frankfurter Mobilitätsforscher Martin Lanzendorf, damit der öffentliche Nahverkehr nicht dauerhaft zu den Verlierern der Krise zählt. Wenn Routinen wie der Umstieg auf das Auto erst einmal etabliert seien, sei es schwer, sie wieder zu ändern. "Der öffentliche Verkehr muss flexibler werden und sich mehr auf Radfahrer einstellen", fordert der Professor. Generell müsse in das Angebot und die Fahrzeuge investiert werden. "Es muss Spaß machen, mitzufahren." Diese Forderung sei zwar schon Jahre alt, nun aber umso wichtiger. "Es wäre fatal für die Verkehrspolitik, wenn der öffentliche Verkehr mittel- und langfristig nicht mehr so stark genutzt würde."

Quelle: DPA