Die Schattenseite der Digitalisierung

Ob Schulcloud oder Smart-TV: Internet-Kriminelle greifen immer häufiger private Haushalte an

Immer öfter gelangen Cyber-Kriminelle über smarte Geräte in die Haushalte.
Immer öfter gelangen Cyber-Kriminelle über smarte Geräte in die Haushalte.
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28. April 2021 - 12:32 Uhr

Neuer Rekord bei Hackerangriffen

Mit der Hochgeschwindigkeits-Digitalisierung während der Corona-Pandemie steigt auch die Anzahl der Cyber-Angriffe. Mal trifft es die Schulcloud in Brandenburg, das Thüringer Impfportal oder sogar den CDU-Parteitag - fast täglich gibt neue Warnmeldungen. Und auch Sicherheitsexperten bescheinigen einen neuen Rekord bei Hackerangriffen. Die Kriminellen sind den technischen Systemen immer einen Schritt voraus, so scheint es zumindest.

Smarte Haushaltsgeräte bringen neue Gefahren

Im ersten Quartal 2021 ist die Anzahl der sogenannten DDoS-Angriffe im Internet deutlich angestiegen. 128 Prozent betrug der Anstieg im Vergleich zum Vorjahresquartal. Das zeigt eine Analyse des IT-Sicherheitsanbieters Link11, die RTL/ntv exklusiv vorliegt.

Bei DDoS-Angriffen werden Server oder Webseiten von Unternehmen oder Institutionen durch viele Anfragen von außen massiv überlastet und brechen dann zusammen. Den Kriminellen kommt dabei der massive Ausbau der Infrastruktur zu Gute. Sie nutzen die gut ausgebauten Bandbreiten und zunehmende Zahl an internetfähigen Geräten, um ihre Angriffe zu verstärken. Die Analyse zeigt, dass 31 Prozent der DDoS-Angriffe über Systeme in den USA verstärkt werden. Gleich darauf folgt Deutschland mit 9,6 Prozent.

Im Podcast "So techt Deutschland" spricht Link11-Chef Marc Wilzcek auch über die Gefahren von smarten Haushaltsgeräten.

„Cybercrime boomt und floriert wie nie zuvor“

"Insofern lässt sich nicht ganz leugnen, dass wir einen Zusammenhang sehen im Fortschritt der Digitalisierung mit dem Beginn der Pandemie und ein sehr starkes Wachstum der Cyber-Kriminalität", sagt Marc Wilczek Chef von Link11. Mit der zunehmen Digitalisierung würden die Unternehmen anfälliger, erklärt uns Wilczek die Gründe.

Die neue Technik ermögliche es den Unternehmen sich neue Märkte und Kunden zu erschließen oder sich auch neu zu erfinden und "Der Preis ist der, dass sich die Unternehmen zunehmend abhängig machen", so Wilczek. Das sei der Gegenseite nicht entgangen und immer mehr Kriminelle versuchten, davon zu profitieren. "Nicht nur die Realwirtschaft forciert die Digitalisierungswelle. Das tut die Schattenwelt genauso. Cybercrime boomt und floriert wie nie zuvor", mahnt Wilczek. Viele Organisationen, nicht nur staatliche, sind von der Pandemie regelrecht überrumpelt worden. Keine Zeit für langwierige Tests und Sicherheitsüberprüfungen.

Viele Schulen und Institutionen brauchten jetzt eine Cloud-Lösung. Was all die Jahre versäumt wurde, lässt sich nicht in wenigen Monaten aufholen. Nach Meinung von Link11-Chef Wilczek werden diese Angriffe nach der Pandemie nicht aufhören. Der Boom der Cyberkriminalität werde die Pandemie überdauern. Die sicherheitsrelevanten staatlichen Stellen haben das Problem jetzt erkannt. Bundeswehr und auch Bundeskriminalamt haben eigene Einheiten für Cybercrime aufgebaut. Es gibt Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften, die sich dem Thema widmen. Das Bundesamt für Sicherheit der Informationstechnik (BSI) ist der Dreh und Angelpunkt beim Thema Digitale Sicherheit. "Man kann erst einmal attestieren, dass die Behörden sehr aktiv sind und auch schon Erfolge vorweisen könne", lobt Wilczek die Arbeit der Institutionen. Das habe in den letzten Jahren an Qualität enorm zugelegt.

Cyber-Kriminelle haben auch Tankstellen im Visier

Mit Interesse verfolgen die Sicherheitsprofis die Diskussionen im Darknet. Die Kriminellen hätten seit einiger Zeit die Tankstellen im Visier. In Deutschland sei das noch nicht so relevant, da hier die Tankstellen meist analog seien, erklärt Wilczek. In den USA sei es üblich, dass man an der Zapfsäule mit Kreditkarte bezahlen kann. "Im Darknet wird sich fleißig ausgetauscht, wie man beispielsweise diese Netze sabotieren kann", weiß Wilczek zu berichten. Man müsste sich nur ausmalen, was passiert, wenn solche Versorgungsnetze lahmgelegt würden, mahnt Wilczek.

Besonders hätten die Experten den Blick auf das Internet der Dinge: internetfähige Glühbirnen, Kühlschränke oder Fernseher. "Immer mehr smarte Geräte fluten den Planeten. Wir haben mehr smarte Geräte als Menschen", sagt Wilczek. Die smarten Konsumgeräte seien quasi überhaupt nicht geschützt und "werden immer häufiger dazu missbraucht, diese künstlichen Datenlawinen zu erzeugen", warnt Wilczek. Damit seien aber auch die Produktionssysteme der Unternehmen gefährdet.

Wenn da eine solche Datenlawine eintrifft, dann "sind die Schäden größer als das jemals in der Vergangenheit der Fall war", sagt Wilczek. Dann könne man sich ausmalen, was passiere, wenn es zum Beispiel in der Lebensmittelindustrie zum Stillstand komme.

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