Nach Tod von Salomon Teka (18)

Nur Menschen zweiter Klasse? Proteste von äthiopischen Juden in Israel eskalieren

4. Juli 2019 - 22:26 Uhr

Im Video: Darum eskalieren die Proteste

Werden Menschen mit dunkler Hautfarbe in Israel diskriminiert? Schon lange klagen Juden mit äthiopischen Wurzeln über Rassismus und Polizeigewalt. Als ein Polizist den 18 Jahre alten Salomon Teka aus ihrer Gemeinschaft erschießt, eskaliert die Lage: Tausende Menschen gehen auf die Straße und machen ihrem Ärger Luft. Sie werfen Steine auf Polizisten und zünden Autos an, wie unser Video zeigt. 147 Menschen werden verletzt, darunter 111 Polizisten. Die Regierung versucht, die Wogen zu glätten.

"Da stimmt doch was nicht in unserem Land"

Talia Salomon reicht es. "Das ist Teil meines Lebens, dass ich diskriminiert werde, und meine Freunde auch", erzählt sie RTL-Reporterin Raschel Blufarb während der Proteste in Tel Aviv. Es sei bereits das elfte Mal, dass ein Äthiopier von einem Polizisten erschossen wurde, sagt die 17-Jährige. "Da stimmt doch was nicht in unserem Land. Da muss man aufstehen und aufschreien! Deshalb bin ich hier." So wie ihr geht es vielen Israelis mit äthiopischen Wurzeln. "Wir alle sind Salomon Teka", rufen die Demonstranten, die am Ortseingang von Tel Aviv am Dienstag den Verkehr lahmlegen. Zeitweise sollen nach Medienberichten schätzungsweise 60.000 Menschen im Stau gestanden haben.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu forderte die Demonstranten auf, die Verkehrsblockaden zu beenden. "Wir können nicht darüber hinwegsehen, dass Brandbomben geworfen werden und es Angriffe auf Polizisten, Bürger und Privateigentum gibt", heißt es auf Twitter. In einer Stellungnahme zeigte er aber auch Anteilnahme und Verständnis für die Kritik der Demonstranten. "Ich weiß, dass es Probleme gibt, die wir lösen müssen", sagte Netanjahu. Der Vorfall vom Sonntag werde bereits untersucht.

Hat der Polizist aus Notwehr geschossen?

Proteste in Israel
Polizisten verhaften eine Demonstrantin bei einem Protest, der nach dem Tod eines Juden mit äthiopischen Wurzeln bei einem Polizeieinsatz eskaliert ist.
© dpa, Ilia Yefimovich, LT frd

In der Hafenstadt Haifa hatte ein Polizist in seiner Freizeit einen Streit beobachtet. Er habe die sich streitende Gruppe angesprochen, welche daraufhin mit Steinen nach ihm geworfen haben soll, heißt es auf "Haaretz.com". Der 33-Jährige habe Angst um sein Leben gehabt und geschossen. Ein 18-jähriger Jude mit äthiopischen Wurzeln wurde getroffen und starb. Augenzeugen berichteten, der Polizist sei nicht in Gefahr gewesen und habe die Jugendlichen mit der Waffe bedroht. Ein Gericht stellte ihn vorläufig unter Hausarrest.

Neben Polizeigewalt klagen die Demonstranten auch über Diskriminierung im Verborgenen. So soll etwa die Hilfsorganisation "roter Davidstern" in den neunziger Jahren über Jahre hinweg alle Blutspenden äthiopischer Juden vernichtet haben. Ein weiterer Verdacht: Hausbesitzer hätten sich zu einem Geheimpakt zusammengeschlossen, damit äthiopisch-stämmige Juden keinen Wohnraum bekommen - und es gibt sogar Vorwürfe, dass Israel einreisewilligen Äthiopierinnen Mittel zur Zwangsverhütung verabreicht haben soll.