Olaf Scholz will Kanzler werden

Unverständnis bei der Union: "SPD orientierungslos"

11. August 2020 - 17:37 Uhr

Scholz-Kandidatur stößt auf Unmut

Es war die Überraschung des Tages im politischen Berlin. Olaf Scholz verkündete am Montag seine Kanzlerkandidatur für die SPD. Noch im vergangenen Jahr konkurrierte der Finanzminister mit dem Duo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans um den SPD-Vorsitz. Jetzt aber soll er seine Partei in den Bundestagswahlkampf führen und freut sich über einen "fairen und erfolgreichen Wahlkampf in einem starken Team", erklärt der Kanzlerkandidat auf Twitter. Beim Koalitionspartner stößt die frühe Kandidatur allerdings auf Unmut.

Junge Union: "SPD orientierungslos"

Während die SPD die Personalentscheidung für den Bundestagswahlkampf schon gefällt hat, sind bei der CDU noch mehrere Kandidaten im Rennen. Erst auf dem Parteitag im Dezember soll sich entscheiden, wer die Nachfolge von Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer antritt und somit auch Chancen auf den Kanzlerposten hätte.

Für den Koalitionspartner hat die SPD Olaf Scholz zu früh zum Kanzlerkandidaten nominiert. "Wir müssen Corona-Herausforderungen annehmen, aber nicht Wahlkampf", mahnt CSU-Chef Markus Söder. "Ganz verstehe ich die Strategie nicht, wie man am Sonntag erklären kann, wir müssen nicht unbedingt den Kanzler stellen und am Montag sagen kann, dafür nehmen wir dann den Olaf Scholz", kritisiert Söder weiter. Der Nachwuchs der Union deutet die frühe Kandidatur als Zeichen der "Orientierungslosigkeit der SPD". "Wie ein linkes Programm mit Ausrichtung auf Grün-Rot-Rot zum Kandidaten Olaf Scholz passen soll, bleibt ein Rätsel. Ich bin gespannt, wie Olaf Scholz die Basis hinter sich bringen will. Da Saskia Esken aber eh einen grünen Kanzler wählen will, wäre die Nominierung eines Spitzenkandidaten vielleicht besser gewesen", sagt Tilman Kuban, Chef der Jungen Union im RTL-Interview.

44 Prozent trauen Scholz das Kanzleramt zu, aber nur 25 Prozent wollen ihn auch

Viel entscheidender aber wird sein, ob sich die Wähler den SPD-Politiker als Kanzler vorstellen können.

  • 44 Prozent der Wahlberechtigten halten Olaf Scholz für das Amt des Bundeskanzlers geeignet, zeigt eine Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL. 
  • Die Zustimmung ist zwar bei den SPD-Anhängern mit 79 Prozent am höchsten, aber auch die Anhänger der möglichen Koalitionspartner halten ihn für geeignet. So können sich 48 Prozent der Anhänger der Linke und 42 Prozent der Grünen-Wähler Scholz als Kanzler vorstellen. 
  • Tatsächlich begrüßen würden die Wahl von Olaf Scholz zum Kanzler aber nur 25 Prozent der Befragten. Genauso wenige glauben auch, dass es Scholz gelingen würde, das Vertrauen von mehr Wählern zurückzugewinnen.
  • Wichtig für das Amt des Kanzlers sind auch die Eigenschaften, die ein Kandidat mitbringt: So glauben 40 Prozent der Wahlberechtigten, dass Olaf Scholz die Probleme in Deutschland kennt. 38 Prozent halten ihn für kompetent, 34 Prozent für glaubwürdig und 32 Prozent für sympathisch. Nur 20 Prozent oder weniger sprechen ihm Machtbewusstsein und Führungsstärke zu oder glauben, er können Deutschland im Ausland gut vertreten.

Umfragewerte für SPD weiter niedrig

Angela Merkel will nicht mehr als Kanzlerin antreten. Die SPD hat ihren Kanzlerkandidaten jetzt benannt. Doch wie will Olaf Scholz es ins Amt schaffen? Unsere Reporterin Franca Lehfeldt ordnet die Nominierung der SPD ein.

Grüne wollen sich nicht unter Druck setzen lassen

Die Grünen hatten bereits mit der Nominierung des Finanzministers zum Kanzlerkandidaten gerechnet. "Wir sind darauf eingestellt. Jetzt ist es so gekommen - wie erwartet", sagte Grünen-Chef Robert Habeck in Berlin. Darauf reagieren wolle seine Partei aber noch nicht, denn für einen Wahlkampf sei es noch zu früh. Für die Grünen ändere die Personalaufstellung der SPD "gar nichts". Obwohl die Partei einen "Führungsanspruch" in Deutschland habe, wolle sie sich durch die frühe Personalentscheidung der SPD nicht unter "Zugzwang" setzen lassen.

In der SPD schließt man ein rot-rot-grünes Bündnis nicht mehr aus. Die Linke würde einen Politikwechsel zu einem Mitte-Links-Bündnis begrüßen. "Wir sind nicht wie die Grünen Regierungspartei im Wartestand, sondern wir werben für unsere Politik", betont Linke-Vorsitzender Bernd Riexinger gegenüber der Tageszeitung "nd.Der Tag".

Die Wähler hingegen sehen das anders. Nur 43 Prozent aller Wahlberechtigten würden ein Bündnis von SPD, Grünen und Linken nach der Bundestagswahl 2021 begrüßen. 53 Prozent hingegen halten es für weniger gut bzw. schlecht, zeigt die Forsa-Umfrage für RTL.

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