NSU-Prozess: Zschäpe will von Morden nichts gewusst haben und bestreitet Beteiligung

14. Dezember 2015 - 13:10 Uhr

Sprengstoffanschlag in Köln geht auf Konto des NSU

Nach zweieinhalb Jahren Prozessdauer hat sich die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe erstmals zu den Vorwürfen eingelassen. Dabei hat sie ihre Beteiligung an allen zehn Morden und zwei Bombenanschlägen bestritten, die dem Nationalsozialistischen Untergrund' (NSU) zugeschrieben werden. Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess will jeweils erst im Nachhinein von den Taten ihrer Freunde Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erfahren haben. Das geht aus Zschäpes Aussage hervor, die ihr Anwalt Mathias Grasel verlas. Böhnhardt und Mundlos hätten sie vorher nicht informiert. Als sie davon erfahren habe, sei sie sprachlos und fassungslos gewesen.

Die Angeklagte Beate Zschäpe zwischen ihren Anwälten Hermann Borchert (links) und Mathias Grasel im Oberlandesgericht in München
Die Angeklagte Beate Zschäpe zwischen ihren Anwälten Hermann Borchert (links) und Mathias Grasel im Gerichtssaal im Oberlandesgericht in München
© dpa, Tobias Hase

Aus ihrer Aussage geht hervor, dass der Bombenanschlag im Januar 2001 in Köln auf das Konto des NSU geht. Demnach hat ihr Freund Uwe Böhnhardt in einem iranischen Lebensmittelgeschäft einen Korb mit dem Sprengsatz deponiert. Vom Bau der Bombe habe Zschäpe nichts mitbekommen, heißt es in der Erklärung. Böhnhardt habe die Bombe gebaut. Bis heute kenne sie das Motiv für den Mord nicht. Sie habe Böhnhardt und Mundlos erklärt, dass sie sich der Polizei stellen wolle. Daraufhin hätten die beiden mit Selbstmord gedroht. Auch von den weiteren Morden und Anschlägen will sie immer erst im Nachhinein gehört haben.

Als sie von dem zweiten und dritten Mord - im Juni 2001 in Nürnberg und Hamburg - erfahren habe, sei ihr klar geworden, "dass ich resigniert hatte". Zschäpe erklärte: "Mir wurde bewusst, dass ich mit zwei Menschen zusammenlebte, denen ein Menschenleben nichts wert war." Sie sei von den Taten abgestoßen gewesen, habe sich aber nach wie vor zu Böhnhardt hinzogen gefühlt. Sie habe sich dem Schicksal hingegeben, weiter mit den beiden Männern zu leben. "Nicht sie brauchten mich, ich brauchte sie."

Zschäpe will aber kein Mitglied der Terrorgruppe gewesen sein. "Ich weise den Vorwurf der Anklage, ich sei ein Mitglied einer terroristischen Vereinigung namens NSU gewesen, zurück", ließ sie ihren Anwalt erklären. Die Opfer der Terrorgruppe bat sie um Entschuldigung. "Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Opfern und allen Angehörigen der Opfer der von Mundlos und Böhnhardt begangenen Straftaten", hieß es in ihrer Erklärung.

Zschäpe schilderte bei der Aussage ihre Zeit als Jugendliche in Jena, Probleme mit der Mutter, das Abdriften in die rechte Szene, die Liebesbeziehungen zu Böhnhardt und Mundlos und das gemeinsame Untertauchen 1998. Zschäpe stellte sich dabei als passiven Part dar. Sie wies den Vorwurf der Anklage zurück, ein gleichgeordnetes Mitglied des NSU gewesen zu sein. Sie sieht sich im juristischen Sinne also als unschuldig an und räumte lediglich ein: "Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte."

Nach ihrem Untertauchen hätten die drei in ständiger Angst gelebt, entdeckt zu werden, berichtete Zschäpe. Das Geld sei ihnen ausgegangen. Deshalb hätten Mundlos und Böhnhardt mit Überfällen begonnen. Zschäpe bestreitet, daran beteiligt gewesen zu sein. Sie habe diese Überfälle akzeptiert und davon profitiert. Anders sei es mit den Morden gewesen.

Die Frau muss sich vor dem Oberlandesgericht München als Mittäterin an sämtlichen Verbrechen verantworten, die dem NSU angelastet werden. Darunter sind neun rassistisch motivierte Morde an Geschäftsleuten mit ausländischem Hintergrund und der Mord an einer Polizistin. Hinzu kommen zwei Bombenanschläge in Köln mit zusammen mehr als 20 Verletzten. Mundlos und Böhnhardt starben 2011 nach einem Banküberfall.