5. November 2018 - 15:42 Uhr

Prozess gegen 94 Jahre alten ehemaligen SS-Wachmann

Die Anklage lautet auf hundertfache Mordbeihilfe. Ab Dienstag (6.11.) steht ein 94-Jähriger vor dem Landgericht Münster, weil er als junger SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig den Massenmord an Juden zugelassen haben soll. Er ist nicht der einzige hochbetagte mutmaßliche NS-Verbrecher, gegen den ermittelt wird.

Angeklagter war von 1942 bis 1944 als Wachmann tätig

Mord und Mordbeihilfe verjähren nicht. Deshalb gibt es auch 70 Jahre nach Kriegsende noch Ermittlungen gegen mutmaßliche NS-Verbrecher. Nach aufsehenerregenden Prozessen gegen Wachpersonal von Auschwitz und Sobibor haben sich die Ermittler nun vermehrt weniger bekannten Kapiteln der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie zugewendet.

Im Prozess am Landgericht Münster will ein heute 94-Jähriger aus dem Kreis Borken aussagen, der von Juni 1942 bis September 1944 in Stutthof als Wachmann der SS tätig war. Als 18-Jähriger habe er seinen Dienst angetreten. Dass in Stutthof Häftlinge brutal ums Leben kamen, sei ihm nicht entgangen. Als Wachmann soll er vielmehr das grausame Morden mit ermöglicht haben.

Mehr als 27.000 Menschen sind in Stutthof gestorben

"Stellen Sie sich eine Tötungsart vor, potenzieren Sie diese und Sie bekommen eine Vorstellung davon, wie die Nazis in den Konzentrationslagern getötet haben", sagte der Dortmunder Oberstaatsanwalt Andreas Brendel vor dem Prozessauftakt. Stutthof sei da keine Ausnahme. Brendel ist gemeinsam mit einem Team beim Landeskriminalamt in Nordrhein-Westfalen zuständig für die Verfolgung von Nazi-Kriegsverbrechen. Er wirft dem Angeklagten hundertfache Mordbeihilfe vor.

Insgesamt starben bis Kriegsende mindestens 27.000 Häftlinge in Stutthof. Sie wurden in einer Gaskammer ermordet, mit Genickschüssen getötet oder vergiftet. Sie erfroren oder starben durch Mangelernährung, erschöpft durch die Zwangsarbeit oder miserable medizinische Versorgung.

Mehrere SS-Wachmänner wurden verurteilt

In den vergangenen Jahren wurden immer mehr einzelne Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen. 2011 war Sobibor-Wachmann John Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord an 28.000 Juden zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Es folgten die Verurteilungen von Oskar Gröning, dem sogenannten "Buchhalter von Auschwitz" und Reinhold Hanning, SS-Wachmann in Auschwitz. Mehr dazu erfahren Sie im Video.

Die Ermittler arbeiten gegen die Zeit: "Keiner unserer Beschuldigten ist jünger als 91 Jahre", sagt Jens Rommel, Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung von Nazi-Verbrechen in Ludwigsburg. Die Chance, auf Lebende und Verhandlungsfähige zu stoßen, werde immer geringer.

Ursprünglich sollte in Münster ein zweiter Mann auf der Anklagebank sitzen. Die Verhandlungsfähigkeit des Mannes war strittig. Auch die Gebrechlichkeit des Borkener Angeklagten spielt vor Gericht eine Rolle: Verhandelt wird pro Prozesstag nur zwei Stunden.

Quelle: DPA/ RTL.de