Prozess gegen 93-jährigen SS-Wachmann in Hamburg

Bruno D.: „So habe ich mir mein Alter nicht vorgestellt“

23. Oktober 2019 - 10:04 Uhr

Angeklagter zu den Vorwürfen: „Es ist mir ein großes Bedürfnis zu sagen, wie leid es mir tut, welches Leid die Menschen ertragen mussten.“

Der 93-jährige Bruno D. ist der Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen in Hamburg angeklagt. Er soll als Wachmann im KZ Stutthof zwischen dem 9. August 1944 und dem 26. April 1945 "die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt" haben. Zu seinen Aufgaben habe es gehört, die Flucht, Revolte und Befreiung von Häftlingen zu verhindern. Er selbst sagte am Montag mit rauer und langsamer Stimme: "Die Bilder des Schreckens haben mich das ganze Leben lang begleitet."

„Haben Sie gesehen, wie Menschen gestorben sind?“ - „Nein.“

Gut 30 Minuten verhört die Richterin am Montag den Angeklagten. Trotz seiner 93 Jahre kann er ihr gut folgen, macht ab und an Pausen und überlegt, was er antworten wird.

Richterin: "Haben Sie gesehen, wie Menschen gestorben sind?"

Angeklagter: "Nein, das habe ich nicht gesehen."

Richterin: "Was wurde denn gemunkelt?"

Angeklagter: "Dass die Leichen verbrannt werden."

Richterin: "Haben Sie etwas gerochen?"

Angeklagter: "Kann ich nicht mehr sagen, müsste ja Verbrennungsgeruch gewesen sein."

Richterin: "Haben Sie mal erschossene Gefangene gesehen?"

Angeklagter: "Nein."

Richterin: "Haben Sie gewusst, was im Krematorium passierte?"

Angeklagter: "Nein."

Richterin: "Als Sie das alles gesehen haben, was haben Sie gefühlt?"

Angeklagter: Er macht eine lange Pause, bevor er spricht. "Kann mich nicht erinnern. Es war grausam, was man mir erzählt hat."

Der ehemalige SS-Wachmann wirkt nach diesem 30-minütigen Verhör müde und kraftlos. Aus Rücksicht auf sein Alter veranlasst die Richterin eine Pause.

Angeklagter soll als Jugendlicher zum Dienst gezwungen worden sein

Dass Juden aus ihren Wohnungen abgeholt wurden, das habe er damals gehört, erklärt er. "Wo die hinkamen, ob die ausgewiesen wurden, das war mir nicht bekannt." Die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring hakt nach: "Fanden Sie das richtig?" Der Angeklagte verneint.

Meier-Göring stellt den Angeklagten wegen einer anderen Äußerung zur Rede, in der sich der Angeklagte mit den Opfern in den Konzentrationslagern verglichen habe. Er habe gesagt, bei der Musterung habe er vor dem Militärarzt so nackt wie die Häftlinge im Konzentrationslager gestanden. Ob er verstehe, dass dieser Vergleich völlig unpassend und eine "Ohrfeige" für Überlebende sei? "Es ist was anderes, auf jeden Fall. (...) Das darf man eigentlich nicht so vergleichen", antwortete er.

Im Gerichtssaal stellt der 93-Jährige noch einmal klar, dass er damals gezwungen worden sei, den Dienst zu übernehmen. Er sei nicht kriegsdiensttauglich gewesen und habe deswegen den Posten des Wachmanns bekommen. Zum Schluss sagte er noch, dass er vor diesen Prozess in Ruhe gelebt habe und jetzt wieder alles aufgewühlt würde. "Die Grausamkeiten werden wieder wachgerüttelt, so habe ich mir mein Alter nicht vorgestellt."