NRW testet Telemedizin hinter Gittern

Ein Gefangener (r) wird in einer Justizvollzugsanstalt (JVA) in in seine Zelle zurückgebracht. Foto: Boris Roessler/dpa/Archivbild
© deutsche presse agentur

25. Mai 2020 - 13:30 Uhr

Nordrhein-Westfalen hat ein Pilotprojekt für Telemedizin im Justizvollzug auf den Weg gebracht. Telemedizin könne gerade in Zeiten der Corona-Pandemie gefahrlos die Distanz zwischen Arzt und Gefangenen überbrücken, erklärte NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) am Montag in Düsseldorf. Aber auch danach solle die Technik den Justizvollzug spürbar entlasten. Gleichzeitig werde die Sicherheit der Bevölkerung erhöht, wenn weniger kranke Gefangene ausgeführt werden müssten.

Den Zuschlag für das Projekt hat nach europaweiter Ausschreibung der Telemedizin-Dienstleister Videoclinic aus Hamburg erhalten. Sieben der 36 Justizvollzugsanstalten in NRW nehmen an dem Modellversuch teil: Aachen, Attendorn, Bielefeld-Senne, Herford, Werl, Hamm und Duisburg-Hamborn. Sollte sich das Projekt als erfolgreich erweisen, soll Telemedizin flächendeckend im Strafvollzug Nordrhein-Westfalens eingesetzt werden.

Dank digitaler Technik könnten Gefangene mit Liveübetragungen rund um die Uhr Zugang zu einer hochwertigen ärztlichen Versorgung außerhalb der Sprechzeiten und innerhalb der Gefängnismauern erhalten, erläuterte Biesenbach. Auch die Bediensteten profitierten, wenn sie in Krisensituationen schnell auf qualifizierten ärztlichen Rat zurückgreifen und die Gefangenen schnell versorgen könnten. Generell spare Telemedizin Zeit und schone Personalressourcen.

Eine besondere Belastungsprobe sei der Umgang mit der zunehmenden Zahl psychisch Kranker, sagte der Minister. Hier könne Telepsychiatrie helfen, die Gefangenen vor Ort zu erreichen.

Die Pilotphase ist zunächst auf 18 Monate angelegt, kann aber verlängert werden. Bis 2021 steht für das Projekt nach Ministeriumsangaben insgesamt gut eine Million Euro aus dem Landeshaushalt zur Verfügung.

Der Geschäftsführer der Videoclinic, Peter Merschitz, und der aus Hamburg zugeschaltete Ärztliche Leiter und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, Martin Scherer, demonstrierten bei der Vorstellung des Modellvorhabens die praktischen Vorteile der Telemedizin. Die mit einem Dermatoskop aus Düsseldorf digital nach Hamburg übertragenen Videobilder des Hautbilds des Geschäftsführers kamen beim Arzt Hunderte Kilometer weiter in extrem hoher Auflösung an.

"Das Hautbild ist besser zu sehen als mit bloßem Auge", stellte Scherer fest. "Ein auffälliges Muttermal würde man sofort sehen." In diesem Fall seien es bloß unauffällige Altersflecken, stellte der Hamburger Universitätsprofessor fest.

Ebenso könnten mit einem Stethoskop dank digitaler Technik Herz-, Lungen- und Darmgeräusche abgehört werden. Dazu werde das bislang den Ärzten vorbehaltene Stethoskop nun auch Pflegern gegeben, erklärte Scherer. "Wir kriegen ein relativ vollständiges Bild." Nur in sieben Prozent aller in zwei Jahren gesammelten Erfahrungen habe die Telemedizin nicht ausgereicht, sondern eine Behandlung vor Ort erfordert.

Die Videoclinic kann nach Angeben der Projektpartner rund um die Uhr auf insgesamt 60 hoch qualifizierte Ärzte zurückgreifen. Damit sei der Medizindienstleister ein willkommener Partner, da es immer schwieriger sei, Ärzte zu finden, die bereit seien, in die Anstalten zu gehen, erklärte Biesenbach. "Wir wollen, dass es eine Versorgung rund um die Uhr für die Strafgefangenen gibt."

Quelle: DPA