Nordkoreas Gulag: Hunger, Folter, Tod

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20. Oktober 2014 - 20:16 Uhr

Von Linda Görgen

Das von der Kim-Familie diktatorisch regierte Nordkorea interessiert die Politik meist nur, wenn es mit Atomwaffen droht oder Südkorea attackiert. Was deshalb im Dunkeln bleibt, ist, dass geschätzt 200.000 Menschen in politischen Straflagern inhaftiert sind – vergleichbar mit Konzentrationslagern, wie man sie aus den Zeiten des Zweiten Weltkriegs kennt, und dem Gulag. Die Regierung verleugnet deren Existenz.

Der einzige Mensch, der die Flucht aus einem Straflager überlebt hat, ist Shin Donh-hyuk. Im Lager geboren kannte er die für uns völlig selbstverständlichen Gefühle wie Liebe, Wärme, Vertrauen und Zuneigung nicht. Stattdessen war sein Leben geprägt von Folter, Hinrichtungen, Gewalt und Hunger. In dem Buch 'Flucht aus Lager 14' (das größte und schlimmste Lager – es erstreckt sich über eine Fläche, die größer als Los Angeles ist) schildert der heute 30-Jährige sein Leben in dem nordkoreanischen Gulag.

Denkt man an die Kindheit zurück, ist die erste Erinnerung meist die an einen lustigen Kindergeburtstag oder Ähnliches. Shins erste Erinnerung ist die Hinrichtung eines Mithäftlings. Er war damals vier Jahre alt. Mit 14 verriet er seine Mutter und seinen Bruder an einen Wärter, weil er aufgeschnappt hatte, wie beide die Flucht planten. Als sie deswegen hingerichtet wurden, spürte er nichts anderes als Wut und Hass - den beiden gegenüber. Seiner Meinung nach hatten sie den Tod verdient.

Zuvor hatten er und sein Vater monatelang Qualen über sich ergehen lassen müssen. Die Wärter versuchten, aus ihnen durch Folter ein Geständnis zu erpressen. Shin wurde ausgezogen, an Hand- und Fußgelenken gefesselt und an die Decke gehängt. Unter ihm machten sie Feuer, bevor sie ihn langsam herabließen. Als seine Haut Blasen warf, wurde er ohnmächtig. Solche Methoden und Grausamkeiten sind in den Lagern gang und gäbe. Ein Mädchen aus Shins Klasse, gerade einmal sieben Jahre alt, wurde hingerichtet, weil sie ein paar Getreidekörner von der Arbeit auf dem Feld in den Taschen hatte. Dazu sei gesagt: Es gibt jeden Tag dasselbe Essen: dünne Kohlsuppe – viel zu wenig, um satt zu werden.

Shin wagt die Flucht

In dem Lager geboren, lebte Shin 23 Jahre lang das Leben des hörigen Gefangenen. Er verpfiff jeden, der gegen die "zehn Gebote" verstieß – sei es, dass sie vom Leben "draußen" erzählten oder die Flucht planten. Bis zu dem Tag, als sein neuer Zellnachbar ihm von dem Geruch gebratenen Fleisches erzählte. Es mag unvorstellbar klingen, aber der Wunsch danach, diesen Genuss selbst spüren zu dürfen, packte ihn so sehr, dass er mit seinem Zellnachbarn einen Fluchtversuch unternahm, wissend, dass das den sicheren Tod bedeutet würde, wenn sie gefasst würden. Doch der Versuch gelang – zumindest der von Shin. Nur weil sein Freund im Elektrozaun hängen blieb und starb, konnte Shin ihn überwinden. Durch das Gewicht des Toten wurde der Zaun hinunter gedrückt.

Es dauerte viele Monate, bis er China erreichte und von einem Journalisten in die südkoreanische Botschaft gebracht wurde. Dort war er sicher. China, Mitglied der UNO, schiebt Nordkorea-Flüchtlinge nämlich ab. Zurück in den Lagern werden sie hingerichtet.

Die Existenz der Lager ist lange bekannt. Genauso lange hat die internationale Gemeinschaft das Thema ignoriert. Endlich werden nun die Vereinten Nationen aktiv. Sie haben eine offizielle Untersuchungskommission eingesetzt, die Beweise für Menschenrechtsverletzungen sammelt und die Verantwortlichen klar benennen soll. Dort sagte Shin nun als Zeuge aus. Die Empfehlungen der Kommission werden an die Vereinten Nationen und andere internationale Einrichtungen weitergeleitet und könnten so Konsequenzen für Nordkorea haben - zusätzlich zu den bereits verhängten Sanktionen wegen des Atom- und Raketenprogramms des Landes.

Ob ein weiteres Anziehen der Daumenschrauben bei Pjöngjang einen positiven Effekt haben wird, ist offen. Doch für die Überläufer, die zunehmend frustriert sind über das Versagen der Vereinten Nationen und die Ignoranz der internationalen Gemeinschaft, ist es zumindest ein Schritt in die richtige Richtung.

Shin lebt heute in Washington und Seoul und kann das Leben genießen, auch wenn er den Verrat an Mutter und Bruder zutiefst bereut. "Sie (Wärter) erzogen uns von Geburt an so, dass wir zu normalen menschlichen Gefühlen nicht im Stande waren. Jetzt, da ich draußen bin, lerne ich, Gefühle zu haben", sagt Shin.



Linda Görgen entdeckte schon während der Schulzeit den Journalismus für sich, als sie bei der Lokalzeitung in ihrer niederrheinischen Heimat erstmals Redaktions-Luft schnupperte. Nach dem Studium und einem Volontariat beim Fernsehen zog es sie zunächst nach London, wo sie im RTL-Außenstudio hospitierte. Sie ist bereits seit 2007 festes Mitglied der Redaktion - anfangs als Studentin, später als Redakteurin. Hier kümmert sie sich zudem um die Betreuung der Praktikanten. Nach Feierabend trifft man sie beim Sport, beim Eishockey und auf Konzerten, wenn sie nicht gerade den Koch- oder Backlöffel schwingt. Letzteres auch sehr zur Freude ihrer Kollegen.