Sie fand den Weg aus den Suizidgedanken heraus

Missbrauchsopfer Jennifer weiß, wie Noa Pothoven (†17) sich gefühlt haben muss

7. Juni 2019 - 9:14 Uhr

Noa Pothoven hörte auf zu essen und starb

Noa Pothoven sah keinen anderen Ausweg, um ihr Leid zu beenden: Die 17-Jährige aus den Niederlanden wurde mit elf Jahren das erste Mal missbraucht. Weil sie mit der seelischen Qual nicht zurechtkam, hörte sie auf zu essen und zu trinken und starb. Zuerst wurde berichtet, dass das Mädchen Sterbehilfe erhalten hätte. Jennifer weiß genau, wie sich Noa gefühlt haben muss. Denn sie war selbst als Jugendliche in einer ganz ähnlichen Situation. Im Video erzählt sie, wie sie es geschafft hat, die Selbstmordgedanken zu überwinden.

„Ich wollte nur noch sterben, egal wie“

Noa Pothoven (17) auf einem ihrer Instagram-Bilder.
Noa Pothoven (17) auf einem ihrer Instagram-Bilder.
© Instagram

"Ich war acht Jahre und wurde von meinem Stiefvater sexuell missbraucht", erzählt die Frau im RTL-Interview. Bis sie 15 wurde, vergriff sich der Mann immer wieder an ihr. Auch sie kämpfte jahrelang mit den psychischen Folgen der sexuellen Übergriffe und versuchte, sich das Leben zu nehmen. "Das war so wie ein Blackout. Ich weiß, ich wollte noch für eine Englischarbeit lernen", erinnert sich Jennifer. Stattdessen schrieb sie dann aber einen Abschiedsbrief und versuchte, sich umzubringen. "Da war gar kein Lebensgefühl mehr. Ich wollte nur noch sterben, egal wie", sagt die Frau.

Doch der Suizidversuch scheiterte und Jennifer machte eine Therapie. "Das hat mich wieder auf den richtigen Weg gebracht", meint sie. Es habe ihr auch sehr geholfen, immer wieder über das Erlebte zu sprechen und ihre Gedanken aufzuschreiben. "Man lernt, damit zu leben. Das ist halt die Vergangenheit, die trägt man mit sich und muss irgendwie versuchen, damit umzugehen."

„Man nimmt die Hilfe um sich herum gar nicht wahr“

Sie kann sich gut in Noas Gefühlslage hineinversetzen, denn auch sie war an dem Punkt, an dem sie einfach nicht mehr weiterleben wollte. "Erst mal will man einfach nur aus der Hölle heraus. Man nimmt die Hilfe um sich herum gar nicht wahr. Das ist so wie ein Tunnelblick", erklärt sie im Interview. "Man will nur den Schmerz loswerden egal wie."

Noa hat es nicht geschafft, aus dem dunklen Loch herauszukommen. Sie war gerade einmal elf Jahre alt, als sie auf einer Schulfeier missbraucht wurde. Mit zwölf Jahren folgte der nächste Missbrauch und mit 14 wurde sie von zwei Männern in ihrem Heimatort Arnheim vergewaltigt. Das Mädchen konnte die traumatischen Erlebnisse trotz mehrerer Therapieversuche nicht überwinden und plante ihren Tod schon seit längerem. "Bis heute fühlt sich mein Körper schmutzig an", sagte sie der Zeitung Gelderlander. In ihrem Buch "Winnen or Leren" ("Gewinnen oder Lernen") klagte Noa, dass ihr zu wenig Hilfe angeboten worden sei.

"Es geht weiter, egal wie schlimm es ist"

In den Niederlanden haben Jugendliche ab 16 Jahren das Recht, alleine darüber zu entscheiden, ob sie Sterbehilfe in Anspruch nehmen wollen. Die Eltern müssen lediglich informiert werden. Noa starb am Ende aber nicht durch Sterbehilfe, sondern weil sie aufhörte zu essen und zu trinken. Das gilt sogar als natürliche Tordesursache, berichtete RTL-Reporterin Salin Simsek aus Arnheim, die mit der niederländischen Sterbehilfe-Organisation NVVE gesprochen hat. Noas Eltern können nach niederländischem Recht auch nicht dafür belangt werden, dass sie ihre Tochter nicht zwangsernährt haben. Jeder hat dort das Recht, Nahrung zu verweigern.

Jennifer hat es mit viel Hilfe und viel Geduld zurück ins Leben geschafft. Anderen in einer ähnlichen Situation, rät sie, über die Missbrauchserfahrungen zu sprechen. "Man sollte das Kämpfen nicht vergessen, dass es irgendwie weitergeht auch danach. Egal wie schlimm irgendwas ist", meint sie. Sie werde niemals vergessen, was ihr passiert ist, "aber es ist nicht mehr so stark ein Teil von meinem Leben, wie es damals war".

Hilfe in schwierigen Situationen

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen! Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch die Möglichkeit, anonym mit anderen Menschen über Ihre Gedanken zu sprechen. Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich. Hier finden Sie eine Übersicht über Hilfsangebote.

Wenn Sie schnell Hilfe brauchen, dann finden Sie unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 Menschen, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.