Das Chaos im Fürstentum ordnen

Niko Kovac avanciert zu Monacos Zirkusdirektor

Trainer Coach Niko Kovac FC Bayern München FCB am Spielfeldrand nachdenklich FC Bayern München FCB vs 1. FC Union Berli
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20. Juli 2020 - 15:56 Uhr

Von Anja Rau

Pünktlich zur neuen Fußball-Spielzeit hat Niko Kovac einen neuen Trainerjob. Der frühere Bayern-Coach arbeitet nun bei der AS Monaco. Mittelmeer, Reichtum, gutes Wetter, ein langfristiger Vertrag - all das klingt verlockend. Doch der Schein trügt. Kovac könnte schnell unter Druck geraten.

Kovac neuer Monaco-Coach: "Sieht ein bisschen aus wie Kroatien"

Das Mittelmeer vor der Haustür, niemals Frost, umgeben von Reichen und Schönen, ach was, nicht nur umgeben, selbst mittendrin: Im Fürstentum Monaco wird Niko Kovac ab sofort arbeiten. Bereits am Montagmorgen leitete er das erste Training, Fans und Presse konnten allerdings wegen der Corona-Krise nicht dabei sein. Kovac ließ mitteilen: "Für mich ist das die richtige Aufgabe, um ein neues Kapitel aufzuschlagen. Das ist mein viertes Land, ich genieße Monaco schon jetzt. Es sieht ein bisschen aus wie Kroatien." Der 48-Jährige ist der neue Trainer des Fußball-Erstligisten AS Monaco, der in der französischen Ligue 1 mitspielt.

Aber eben nur noch mitspielt, keine Hauptrolle mehr innehat. In der abgebrochenen Saison reichte es nur zu Platz neun, die Qualifikation für die europäischen Wettbewerbe ist in weiter Ferne. Zuletzt wurde der Club überraschend 2017 französischer Meister, damals gehörte Frankreichs Weltmeister Kylian Mbappé noch zum Kader. Er wechselte anschließend zu Paris St. Germain - für 180 Millionen Euro Ablöse.

Seitdem gab es nichts mehr zu holen für die Association Sportive. In der Saison 2018/19 drohte gar der Abstieg, der als 17. mit nur zwei mageren Pünktchen Vorsprung verhindert werden konnte. Das Ergebnis dieser Saison ist ebenfalls nicht befriedigend und so soll Kovac neue goldene Zeiten einleiten, ja erschaffen. Sein Vertrag läuft über drei Jahre, auch Bruder Robert ist als Co-Trainer wieder dabei. 

Kovac beim AS Monaco: Ein Job auf dem Schleudersitz

Ein langfristiger Vertrag mit Zukunft, so scheint es. Allerdings ist eben dieser Schein trügerisch. Kovac' Vorgänger hatten mitnichten Zeit. Auf Meister-Coach Leonardo Jardim folgte Ex-Weltmeister Thierry Henry - nach nur 20 Spielen war das Experiment mit dem Mann, der damals sein Trainer-Debüt gab, gescheitert. Elf Pleiten waren zu viel. Jardim kam nach einem Hilferuf des Clubs für 37 Spiele im Jahr 2019 zurück, war weit weniger erfolgreich als zuvor und wurde durch Robert Moreno ersetzt. Der spanische Ex-Kurzzeit-Nationaltrainer hatte aber auch nur 13 Spiele bis zu seinem Aus, war erst zum 1. Januar 2020 gekommen. Nun, nach abgebrochener Spielzeit und zum Start der Saisonvorbereitung muss er schon wieder gehen. "Unsere Wege trennen sich früher als erwartet", sagte Vizepräsident Oleg Petrow.

Sie trennen sich zu dem Zeitpunkt, zu dem ein neuer Sportdirektor ernannt wird: Paul Mitchell. Der Engländer soll den Erfolg zurückbringen und durfte dafür einen neuen Trainer vorschlagen. Seine Wahl fiel auf Kovac - nicht von ungefähr. Mit dem Kroaten hatte Mitchell bereits im Red-Bull-Konglomerat zusammen gearbeitet, Kovac war in Salzburg, Mitchell bei RB Leipzig, den New York Red Bulls und bei RB Bragantino in Brasilien. Kontakte sind hilfreich - auch im Fußball-Business. "Niko steht für Erfahrung auf dem höchsten Level. Seine Energie und seine Vision machen ihn zu dem Trainer, den der Klub benötigt", sagte Mitchell.

"Zirkus"_Verein AS Monaco: Der Fürst und der Unternehmer

Nach acht Monaten ist Kovac damit zurück im Geschäft. "Er hat die Aura, die Robert Moreno wahrscheinlich fehlte", schreibt die Zeitung "Nice Matin" und lobt dessen "brillante Karriere". Am 3. November 2019 war Kovac beim FC Bayern entlassen worden, nachdem er zuvor noch das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal gewonnen hatte. Nach einer Auszeit hatte er angekündigt, im Sommer zurückkehren zu wollen. Seine Wahl fällt auf Monaco, damit kehrt er der Bundesliga, in der er selbst 241-mal als Spieler für Hertha BSC, Bayer Leverkusen, den HSV und den FC Bayern auf dem Feld stand, den Rücken.

Fraglich, ob er in Monaco die Zeit bekommt, sich zu etablieren. Bei einem Club, den die "Süddeutsche Zeitung" als "Zirkus" betitelt. Nicht nur wegen des berühmten Zirkusfestivals von Monte Carlo, sondern vor allem wegen der durchaus ungewöhnlichen Konstellation im Fürstentum. Die Fürstenfamilie Grimaldi hält ein Drittel am Verein, zwei Drittel gehören Jekaterina Rybolowlewa, der Tochter des Unternehmers und Clubpräsidenten Dmitri Rybolowlew. Der ist Multimilliardär und kaufte seine Anteile am Club in Krisen-Zeiten, der Verein dümpelte Ende 2011 nur in der unterklassigen Ligue 2 herum, schrammte gar am Abstieg in die Drittklassigkeit vorbei. Einen symbolischen Euro bot er dem Fürsten an, zwei Drittel des Klubs bekam er dafür.

Falcao, James Rodriguez & Co.: AS Monaco pumpte Millionen in neue Spieler

Fußball interessierte den heute 55-Jährigen vermutlich gar nicht, in seiner Heimat war Eishockey der führende Sport. Doch der Fußball war eine Chance für ihn, eine gewaltige: Er investierte in Monaco wohl vor allem, weil er sich davon den monegassischen Pass erhoffte, lag er doch im Clinch mit der russischen Justiz. Er hatte sich zuvor mit Russlands Präsident Wladimir Putin überworfen. Den Monegassen versprach er Investitionen in den Fußballclub von mehr als 100 Millionen Euro in nur vier Jahren.

Es wurde sogar noch mehr: Allein im Sommer 2013 verpflichtete die AS Monaco für etwa 154 Millionen Euro die Spieler Falcao, James Rodriguez, Joao Moutinho, Éric Abidal und Ricardo Carvalho. Der Aufstieg in die erste Liga gelang, Monaco war wieder auf der Landkarte des Fußballs zu finden. Fortan machte sich Monaco einen Namen als Talenteausbilder - eines davon war Mbappé. Der Franzose und andere konnten internationale Erfahrungen sammeln und sich für größere Aufgaben empfehlen.

Es eilt im "Zirkus": Nico Kovac soll neuen Glanz bringen

Doch der Glanz ging schnell wieder verloren. Und mit dem Erfolg auch die Akzeptanz, zumal Rybolowlew 2018 zwischenzeitig in Gewahrsam saß - im Zusammenhang mit einem großen Justizskandal. Die Vorwürfe lauteten Korruption, Bestechung und Einflussnahme. Schon 1996 saß Rybolowlew für im Gefängnis, weil er schuldig gesprochen worden war, einen Mord an einem geschäftlichen Konkurrenten in Auftrag gegeben zu haben. Nach einem Jahr kam er wieder frei, weil ein Belastungszeuge seine Aussage widerrufen hatte. Zudem geriet der Club wegen angeblicher illegaler Handgeld-Zahlungen bei der Verpflichtung von Jugendspielern ins Zwielicht. Einen Saubermann hatte sich Fürst Albert II. da nicht ins Haus geholt, mittlerweile wäre es offenbar lieber, Rybolowlew würde seine Anteile verkaufen, heißt es von der "SZ". Den monegassischen Pass bekam der Unternehmer übrigens nicht, stattdessen kaufte er sich 2012 den zypriotischen und ist damit offiziell EU-Bürger. 

Niko und Robert Kovac sollen und wollen diesem "Zirkus" nun also den verlorenen Glanz wiederbringen, die Brüder als Zirkusdirektoren oder Dompteure. Es soll wieder in die Champions League gehen, am besten noch weiter als in der Saison 2016/17, als erst im Halbfinale gegen Juventus Turin Schluss war. Viel Zeit bleibt nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass der neue Sportdirektor Mitchell seine Einkaufstour jetzt erst starten kann. Schon am Mittwoch steht für Kovac das erste Spiel an, ein Test gegen Standard Lüttich. Die Saison in Frankreich startet am 23. August, erster Gegner für Monaco im heimischen Stadion ist Stade Reims.

(Quelle: ntv.de)