Süle zum Zuschauen verdammt

Fit genug für Löw, aber zu dick für Flick?

Niklas Süle
© dpa, Daniel Gonzales Acuna, cvi

23. November 2020 - 20:51 Uhr

Ein paar Gramm zu viel für Flick?

Bei Bundestrainer Joachim Löw darf Niklas Süle zuletzt zweimal von Beginn an ran, für seinen Heimtrainer Hansi Flick ist der Verteidiger nicht fit genug. Das Problem hat Tradition, an einer Lösung muss der Profi arbeiten.

Von Till Erdenberger

Für Joachim Löw ist Niklas Süle unverzichtbar: Bei den beiden jüngsten Nations-League-Spielen gegen die Ukraine (3:1) und Spanien (0:6) schickte der Bundestrainer den Bayern-Profi jeweils von Beginn an in die Schlacht - als seinen Turm in der Innenverteidigung. Neben dem 1,95-Meter-Hünen durften sich andere probieren, Süle ist aber der Fixpunkt in Löws Idee einer letzten Verteidigungslinie. Bayern-Coach Hansi Flick sieht das anders, wenigstens derzeit. Und überraschte damit, dass er den 25-Jährigen am Samstag beim Spiel gegen Werder Bremen nicht in der Startformation platzierte, sondern auf der Tribüne.

Dort saß Süle dann neben dem Langzeitverletzten Alphonso Davies und Nationalmannschaftskollege Joshua Kimmich, der nach einer Knieverletzung erst im Januar wieder wird eingreifen können. Süle aber, der ist nicht verletzt von der Nationalmannschaft zurückgekommen. Sondern mit "Trainingsrückstand", wie Flick monierte. Sein Spieler müsse "100 Prozent fit sein, dann ist er wieder Thema für uns." Süle war nach einem positiven Corona-Test direkt aus der Quarantäne nach Leipzig zum DFB-Team gereist, dort standen dann vor allem Taktikeinheiten auf dem Plan. Für Joachim Löw war Süles Fitnessstand offenbar nicht besorgniserregend genug, um in den beiden letzten Pflichtspielen vor der Europameisterschaft auf seinen Innenverteidiger zu verzichten. Selbst, nachdem der Bundestrainer nach dem Ukraine-Spiel verriet, dass seinen Spieler leichte Knieprobleme plagten.

"Spezi trinke ich gerne"

Nun wirbelte Flick seine Formation gegen Werder Bremen ordentlich durch: Außer Manuel Neuer stand zu Beginn des Spiels keiner der Bayern-Profis auf dem Feld, die sich gegen Spanien eine böse Klatsche abgeholt hatten. "Wir haben in vier Wochen neun Spiele, da ist es ganz klar, dass wir die Belastung der Spieler vernünftig steuern müssen", erklärte Flick seine Personalideen nach dem enttäuschenden 1:1. Bei Süle aber soll nach Informationen der "Bild" mehr dahinter stecken, als nur umsichtige Belastungssteuerung: Flick soll unzufrieden sein mit dem Gewicht seines Profis. Nach Angaben des FC Bayern liegt das bei 99 Kilo, möglicherweise sind es aber inzwischen ein paar Gramm mehr. Ein paar Gramm zu viel für Flick? Der Trainer bat seinen Spieler am Sonntag jedenfalls zum Vier-Augen-Gespräch.

Süle, der knochenharte, auf dem Platz kompromisslose Verteidiger, kämpft traditionell mit seinem Gewicht. 2017, nachdem er seinen Wechsel von Hoffenheim zum Branchenprimus eingetütet hatte, outete sich der Nationalspieler als "Lebemann", der es mit der Ernährung nicht immer so uneingeschränkt professionell halte. Das Kernübel? Fast-Food, so verriet es Süle später freimütig. "Früher war es jeden Tag, jetzt ist es vielleicht noch zweimal die Woche. Ich fühle mich gut auf dem Platz." Das Schlimme seien ja "eher die süßen Getränke. Spezi trinke ich gerne. Wenn ich das weg lasse, ist das schon die halbe Miete. Wenn ich auf Wasser umstelle, habe ich zwei, drei Kilo weniger."

Das mit dem Gewicht nehme er "jetzt ein bisschen ernster. Ich bin zufrieden, und der Trainer ist auch mit meinem Gewicht zufrieden", hieß es im November 2017, damals hatte er die ersten vier Monate in München hinter sich, der Trainer hieß noch Jupp Heynckes. Zudem helfe es ihm unheimlich, mit Boateng und Hummels zu trainieren und zu spielen. Auch in Sachen Ernährung habe er von ihnen gelernt. "Wenn Jérôme topfit ist, ist er einer der besten Verteidiger der Welt. Wenn ich mal annähernd erreichen kann, was er erreicht hat, bin ich mit meiner Karriere sehr zufrieden." Auf eine Ebene mit Boateng würde er sich nie stellen. Nun, genau drei Jahre später, durfte Boateng für den nicht fitten Süle ran.

Vor der Vorbereitung auf die letzte, diese so schwer in Gang gekommene bayerische Übersaison, hatte der Verteidiger erst auf der Zielgeraden seine Form gefunden: "Ich habe im Urlaub zugenommen, deshalb habe ich die Runde genutzt, um richtig zu schwitzen, damit das Gewicht wieder runtergeht", verriet er im Juli 2019 lachend und schwitzend im Rahmen eines Promi-Golfturniers. Und bekannte: "Auch klar, dass ein bisschen Spaß dabei ist. Aber ich neige schon dazu, auch mal nichts zu tun während des Urlaubs. Es steht jedem Fußballer zu, auch mal abzuschalten." Dass alles besser werde, hatte der allerdings auch schon 2014 versprochen: "Beim Thema Essen hatte ich ja leider ein paar Undiszipliniertheiten", gab der damals 18-jährige Süle im Trainingslager der TSG Hoffenheim offen zu. "Fastfood ist jetzt abgehakt. Man wird ja auch reifer."

Stammspieler mit kurzer Pause

Christian Falk, Bayern-Reporter der "Bild", deutete im "Doppelpass" von Sport1 nun an, dass Süle den Kampf zuletzt zu häufig verloren haben könnte: "Er war vorher in Corona-Quarantäne und sagt ja selbst über sich, er sei ein Lebemann. Ich höre immer wieder: Sie sind beim FC Bayern nicht ganz zufrieden mit seinem Gewicht. Wer weiß, was der Lieferservice in der Zeit gebracht hat ... Fairerweise muss man auch sagen, dass er schon mit Kniebeschwerden zur Nationalmannschaft ist. Ich glaube, da haben ein paar Sachen zusammengespielt."

Eigentlich aber gab es zuletzt am Arbeitsethos des Angestellten Süle kaum etwas auszusetzen: Nach seinem zweiten Kreuzbandriss im Herbst vergangenen Jahres kämpfte sich der ehemalige Hoffenheimer durch die Reha zurück in die Stammelf des Rekordmeisters. "Wenn man nach neuneinhalb Monaten sein erstes Spiel macht, ist es klar, dass da noch nicht alle Abläufe stimmen und die Spritzigkeit noch nicht so da ist, aber ich fühle mich sehr gut vom Fitnesslevel", freute sich Süle nach seinem Comeback Anfang August.

Von Flick erntete er damals nach dem Testspiel gegen Olympique Marseille ein Lob: "Wir sind alle sehr zufrieden. Er hat hart gearbeitet und auch in der Zeit, in der wir 14 Tage Urlaub hatten, jeden Tag trainiert. Er hat es sich mehr als verdient, dass er wieder auf dem Platz steht." Beim Champions-League-Finalturnier bestritt Süle alle vier Spiele, im Endspiel verteidigte er von Beginn an. In der laufenden Saison stand er bei neun von 14 Pflichtspielen auf dem Platz - und nun zum ersten Mal gesund nicht im Kader. Es waren offenbar ein paar Spezi zu viel.

Quelle: ntv.de