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Niemand kann mit 68 Euro Tagesverdienst reich werden – ein Kommentar zum Thema Mindestlohn

Niemand kann mit 68 Euro Tagesverdienst reich werden – ein Kommentar zum Thema Mindestlohn

Mindestlohn, Gewerkschaften, SPD, Nahles
Grund zur Freude: Deutschland reiht sich ein in die in Europa längst und gut geübte Praxis, "Sklavenlöhne" von drei oder fünf Euro Stundenlohn zu verbieten.
dpa, Hannibal Hanschke

Ein Kommentar von Andreas Langheim (RTL Nachtjournal)

Bravo Bundesregierung, bravo Arbeitsministerin Nahles! Nach zehn Jahren (!) Diskussion (schon das ist traurig) wird nun endlich in einem der reichsten und wirtschaftlich stärksten Länder der Welt eine Lohnuntergrenze eingeführt: 8,50 Euro Bruttolohn pro Stunde flächendeckend und für alle Branchen ab 2015.

Mit Verlaub: Niemand kann mit 68 Euro Tagesverdienst reich werden, wir reden hier über eine Tankfüllung am Tag! Und mit einem Monatslohn von 1.360 Euro wird niemand große Sprünge machen können, erst recht nicht, wenn ein mehrköpfiger Haushalt zu versorgen ist. Da werden Tausende Niedriglöhner weiter aufstocken müssen.

Aber: Die Bundesregierung hat einen längst überfälligen Schlussstrich gezogen, und zwar konkret unter das beschämende Lohndumping skrupelloser Landwirte, Hoteliers, Fuhrunternehmer, Frisör- und Fleischereibetriebe, um nur einige derjenigen zu nennen, die ohne Gewissensbisse ihr Gewinnstreben auf die systematische Ausbeutung weitgehend rechteloser Arbeitskräfte aufgebaut haben. Endlich reiht sich Deutschland ein in die in Europa längst und gut geübte Praxis, "Sklavenlöhne" von drei oder fünf Euro Stundenlohn zu verbieten.

Welche Jobs fallen denn weg, wenn welche wegfallen?

Die Vorhersagen, nun würden tausende Jobs vernichtet, sind schon deshalb nicht ernst zu nehmen, weil die Schätzungen quer über Institute und Verbände von null bis 900.000 reichen. Es riecht nach Panikmache. Zweitens: Welche Jobs fallen denn weg, wenn welche wegfallen? Es sind doch genau diejenigen Arbeits-"Verhältnisse", die die Arbeitsministerin zu Recht bekämpfen wollte. Natürlich wären zehn Euro Mindestlohn schon deshalb wünschenswerter, weil sich so noch mehr Niedriglöhner vom staatlichen Tropf befreien könnten. Wer weiß: Vielleicht werden die ja schon 2017 beschlossen, dann, wenn erstmals eine Erhöhung ansteht. In Sachen Diäten hatte es die Große Koalition ja auch recht eilig.

Warum aber Langzeitarbeitslose nicht auch vom ersten Tag an mindestens 8,50 Euro erhalten sollen, hinterlässt einen üblen Nachgeschmack. Arbeitgeber haben dank der Union auch weiterhin die Möglichkeit, eine Hintertür zu nutzen und Dumpinglöhne zu zahlen: Und zwar ausgerechnet denen, die ohnehin seit Jahren vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen waren. Sie werden für ihre Arbeitslosigkeit nicht nur bestraft, es wundert nicht, wenn manche Arbeitgeber nach sechs Monaten Fristablauf den Langzeitarbeitslosen wieder entlassen, um dem nächsten eine "Brücke zum ersten Arbeitsmarkt" vorzugaukeln.