Von RTL-Reporterin Anna Hohns

Niedrige Infektionsraten: Wie Finnland sich erfolgreich gegen das Virus wehrt

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22. November 2020 - 18:28 Uhr

Gast Nr. 18 - Das „Lappi“ im Lockdown

Das mit dem Lockdown hatte sie sich irgendwie anders vorgestellt. "Ich dachte, dass es vielleicht zwei Wochen dauert und dann können wir wieder öffnen," erzählt mir Wirtin Tarja Oja. Ich bin Gast Nummer 18 an diesem verregneten Abend im "Lappi", einer Institution bei Geschäftsleuten und Touristen in Helsinki. Früher bewirteten die gebürtige Lappländerin und ihr Team in dem urigen, mit Holzbalken verkleideten Restaurant täglich um die 100 Gäste. Direkt vom Flughafen ließen sie sich mit dem Taxi bei ihr absetzen, um Rentierfilet oder Lachssuppe zu essen. Aber das war eben vor Corona und steigenden Fallzahlen im Frühjahr.

Um die Situation in den Griff zu bekommen, entschloss sich die finnische Regierung früh zu einem zweimonatigen Lockdown. Er half, die Fallzahlen wieder zu senken. Aber viele Gäste brachte er Tarja Oja im Anschluss nicht zurück. Sie kämpft mit den Tränen, als sie erzählt, dass sie das "Lappi" am Ende ganze sechs Monate geschlossen ließ. "Die Firmen waren ja dicht, alle haben von Zuhause aus gearbeitet. Und die Grenzen sind ja bis heute noch nicht wieder geöffnet. Es machte einfach keinen Sinn."

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„Möchten Sie einen Coronatest machen?“

08.10.2020, Finnland, Helsinki: Eine Mitarbeiterin des Gesundheitswesen arbeitet in einer Drive-Thru-Station am Flughafen Helsinki, wo bei dem Fahrer eines Autos einen Abstrich zur Durchführung eines Corona-Tests entnommen wird. Foto: Heikki Saukkoma
Drive-Thru-Station am Flughafen Helsinki
© dpa, Heikki Saukkomaa, ts pda nwi

Man muss schon Staatsbürger sein oder aus einem Land stammen, in dem die Infektionsraten sehr niedrig sind, um gerade überhaupt nach Finnland einreisen zu können - für berufliche Zwecke, so wie zum Beispiel bei meinem Kameramann und mir, gelten Ausnahmen. Allerdings müssen wir nach Ankunft am Flughafen Helsinki einen negativen Coronatest nachweisen, nicht älter als 72 Stunden. Ein zweiter würde nach drei Tagen Aufenthalt im Land fällig.

Gleich zwei Beamte pro Passagier kontrollieren nach dem Aussteigen die mitgebrachten Unterlagen. Und kaum den Koffer vom Gepäckband in der Hand, sprechen uns schon Gesundheitsdienstleister in gelben Warnwesten noch im Ankunftsbereich an: "Haben Sie Symptome? Möchten Sie einen Coronatest machen?"

Finnland versucht, so viel wie möglich zu testen. Das könnte ein Grund dafür sein, dass es zu den Ländern gehört, die laut Weltgesundheitsorganisation die niedrigsten Infektionsraten Europas haben. "Die Zahl der neuen Fälle auf 100.000 Einwohner lag in den vergangenen zwei Wochen bei rund 54," erzählt uns Pasi Pohjola, der stellvertretende Leiter des finnischen Gesundheitsministeriums. "Im Moment machen wir am Tag zwischen 10.000 und 18.000 Tests. Das ist so etwas wie die Basis unserer Coronavirus-Strategie. Wenn wir dann Fälle entdecken, können wir so auch weitere potenziell Infizierte ausfindig machen und Entscheidungen über eine Quarantäne treffen."

Die finnische Corona-Warn-App - So geht Download

07.10.2020, Finnland, Helsinki: Die englischsprachige Version der finnischen Koronavilkku-App ist auf einem Smartphone eingeschaltet. Koronavilkku dient zur Verfolgung von Coronavirus-Infektionsketten. Die Anwendung soll eine Benachrichtigung senden,
Corona-Warn-App in Finnland - hier in der englischsprachigen Version
© dpa, Antti Aimo-Koivisto, ris tba

Beim Thema Nachverfolgung spielt "Koronavilkku" eine große Rolle, der "Coronablitz", die finnische Version einer Warn-App. Die Anwendung funktioniert ähnlich wie die deutsche, aber die Akzeptanz bei der Bevölkerung ist eine ganz andere.

Knapp die Hälfte aller Finnen hat "Koronavilkku" auf dem Handy, an die 100 Prozent, so Pasi Pohjola, melden und warnen damit andere, wenn sie an Corona erkrankt sind. Zahlen, von denen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei uns wohl nur träumen kann.

Vertrauen in den Staat und kein Problem mit Social Distancing

View of the Hakaniemi Sunday market, amid the coronavirus disease (COVID-19) outbreak in Helsinki, Finland November 1, 2020. Lehtikuva/Markku Ulander via REUTERS  ATTENTION EDITORS - THIS IMAGE WAS PROVIDED BY A THIRD PARTY. NO THIRD PARTY SALES. FIN
Ein Blick auf den Hakaniemi-Sonntagsmarkt in Helsinki
© via REUTERS, LEHTIKUVA, TS/KTS/PKP/FW1/Janet Lawrence

In der Bevölkerung gibt es kaum Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen. Finnische Querdenker? Fehlanzeige! Masken sind in Finnland nicht Pflicht, aber Behörden raten dazu, sie zu tragen, zum Beispiel dann, wenn man den Mindestabstand nicht einhalten kann. Als wir uns in der vorweihnachtlich geschmückten Innenstadt von Helsinki umsehen, scheint mindestens die Hälfte der Bevölkerung der Empfehlung zu folgen.

Kritik an den Maßnahmen hören wir kaum, als wir uns mit Finnen darüber unterhalten. Die meisten sagen uns, dass sie sehr zufrieden damit seien, wie ihre Regierung mit der Corona-Krise umgehe. "Wir haben ein sehr starkes Vertrauen in unseren Staat", bestätigt uns auch Nelli Hankonen. "Wir vertrauen darauf, dass er gute Entscheidungen trifft, nicht korrupt ist und es gut mit uns meint," so die Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Helsinki weiter.

Und dann ist da vielleicht noch ein Punkt, warum Finnland mit seinen 5,5 Millionen Menschen so gut durch die Krise kommt. "Social Distancing fällt uns nicht sehr schwer," sagt die 43-Jährige. "Wir leben dünn besiedelt, unsere Häuser stehen weit auseinander und es ist für uns etwas Natürliches, uns nicht so oft mit Familie und Freunden zu treffen."

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Finnen gehen nüchtern mit der Krise um

Der deutsche Dr. Matthias Aulbach lebt seit vier Jahren in Finnland. Wir treffen uns mit ihm im "Café Esplanad", im Finanzviertel von Helsinki. Zugegeben nicht ganz uneigennützig, denn hier soll es die besten "Ohrfeigen" der Stadt geben. So nennt der Finne seine Zimtschnecken, die "Korvapuusti", übersetzt - angeblich, weil sie aussehen wie geschwollene Ohrmuscheln. Sie schmecken deutlich besser als das klingt.

"Ich verfolge natürlich relativ viel deutsche Medien und dann ist mir schon immer wieder klar, dass es mir hier doch ziemlich gut geht," erzählt der gebürtige Bayer und nippt an seinem Cappuccino. "Gerade jetzt natürlich, wo in Deutschland wieder dieser leichte Lockdown stattfindet. Da fühl ich mich hier schon sicherer." Er findet, dass die Finnen mit der Krise gewohnt nüchtern umgehen. Sie würden nach dem Motto leben: "Da ist ein Problem und dann schaut man, wie man es lösen kann."

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20 Paar Coronasocken

Die viele Freizeit, die "Lappi"-Inhaberin Tarja Oja in den sechs Monaten hatte, in denen ihr Restaurant geschlossen war, hat sie mit Handarbeit verbracht. "Ich hab allein 20 Paar Coronasocken gestrickt, vielleicht sogar mehr," sagt sie lachend zum Abschied. Jetzt setzt auch sie auf die Zulassung des ersten Corona-Impfstoffs. Denn auch wenn die Finnen die Krise bislang gut gemeistert haben, auf ein absehbares Ende hoffen sie natürlich trotzdem.