Nico Hülkenberg: Vom kleinen Fisch zum dicken Hecht?

Aus Montreal berichtet: Daniel Grochow

Nico Hülkenberg fährt die bislang beste Saison seiner Karriere. Während er in der Branche in den höchsten Tönen gelobt wird, hält der Force-India-Pilot den Ball flach. Er sieht sich in der Formel 1 momentan noch mehr als kleiner Fisch denn als dicker Hecht - was sich schnell ändern kann, wenn die großen Teams ihre Angel auswerfen.

Nico Hülkenberg, Kai Ebel
Hatten beim Interview sichtlich Spaß: Nico Hülkenberg und RTL-Moderator Kai Ebel.

Als Nico Hülkenberg am Donnerstagnachmittag ein kleines Bötchen im Sankt-Lorenz-Strom zum Angel-Interview mit RTL-Reporter Kai Ebel betritt, ist ihm die gute Laune förmlich ins Gesicht geschrieben. Stolze 47 WM-Zähler hat der Deutsche in dieser Saison schon eingeheimst, fuhr dabei in jedem Rennen in die Top 10 und liegt in der Gesamtwertung sogar vor Titelverteidiger Sebastian Vettel. "Es läuft momentan einfach rund", sagt der 26-Jährige, der sich langsam aber sicher in der Gruppe der Spitzenfahrer etabliert hat.

Fragt man ihn nach dem "dicksten Hecht" im Haifischbecken Formel 1, verweist Hülkenberg auf die Kollegen in den Top-Teams, allen voran Ferrari-Pilot Fernando Alonso. Das Kuriose: Obwohl 'Hulk' mit Force India nur bei einem durchschnittlichen Rennstall fährt, trennen ihn vor dem Großen Preis von Kanada lediglich 14 Punkte vom spanischen Top-Fahrer der Scuderia. Hätte man ihm das vor Saisonbeginn gesagt, Hülkenberg hätte wohl nur müde gelächelt.

Ein paar Wochen später, da lächelt der Deutsche nicht nur, ihm ist der Spaß am Rennfahren und seinem Erfolg in jeder Sekunde anzumerken. Hülkenberg hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, scherzt beim Interview-Termin mit dem kanadischen Bootsführer, der schnell von der guten Laune angesteckt wird. Es ist diese Zwischenmenschlichkeit, die Hülkenberg auszeichnet und ihn laut eigenen Aussagen auch beflügelt. "Seit meiner Rückkehr zu Force India habe ich gemerkt, wie gut es zwischen uns im Team stimmt - angefangen von den Mechanikern bis hin zum Management. Ich denke, dass spiegelt sich auch in der Leistung wider."

Erstes Podium der Karriere in Montreal?

Die Experten im Fahrerlager loben Hülkenbergs ausgesprochenes Talent und sehen es nur noch als eine Frage der Zeit an, bis der Deutsche ein Cockpit bei einem Top-Team bekommt. Nur schade, dass die Formel 1 kein Wunschkonzert und schon gar nicht planbar ist. "Natürlich habe ich das Lenkrad selbst in der Hand, aber ich kann leider nicht steuern, zu welchem Team ich wann wechsele. Ein Tennisspieler kann sich am Ende des Tages selbst an die Nase packen, wenn es nicht geklappt hat. In der Formel 1 ist es schwieriger, weil Politik im Spiel ist", sagt Hülkenberg im RTL-Interview und spielt damit auf die jüngere Vergangenheit an.

In der letzten Saison hielten sich lange die Gerüchte, Ferrari habe ein Auge auf den Deutschen geworfen. Letztendlich entschied sich die Scuderia neben Fernando Alonso für Kimi Räikkönen - den 'Hulk' in diesem Jahr schon fünf Mal hinter sich gelassen hat. Ob die 'Roten' ihre Wahl von damals schon bereuen?

Vijay Mallya wird es ganz Recht gewesen sein. Der Force-India-Besitzer schnappte sich Hülkenberg und freut sich über einen grandiosen Saisonstart. Er halte seinen Schützling für den kommenden Weltmeister, bekräftigt der Inder immer wieder. Hülkenberg habe das Zeug dazu, um nicht nur um Siege, sondern auch um den Titel zu fahren. Das Problem: Der gebürtige Emmericher sitzt im falschen Auto.

Zwar hat Force India eine bärenstarke Entwicklung hingelegt, trotzdem weiß auch Hülkenberg um den entscheidenden Faktor in der 'Königsklasse'. "Man braucht das beste Auto, um Weltmeister zu werden", sagt der WM-Fünfte und erinnert an die Kräfteverhältnisse: "In diesem Jahr wird niemand den Titel holen, der nicht im Mercedes sitzt."

Trotzdem macht sich Hülkenberg berechtigte Hoffnungen, in Montreal an seine starken Leistungen aus den vergangenen Wochen anzuknüpfen. Die anspruchsvollen Kurvenkombinationen sowie die schnellen Geraden sollten dem mit Mercedes-Power ausgestatteten Force India in die Karten spielen. Patzt die Konkurrenz, könnte sich Hülkenberg seinen lange ersehnten Traum vom ersten Podestplatz seiner Karriere erfüllen - und damit das nächste Argument liefern, dass die Top-Teams ihre Angel nach dem eigentlich gar nicht mehr so kleinen Fisch auswerfen.

Das Interview mit Nico Hülkenberg ist am Samstag in der Vorberichterstattung zum Qualifying ab 17.45 Uhr auf RTL zu sehen.