Rettungsschiff darf keinen sicheren Hafen anlaufen

Neuer Selbstmordversuch auf der Alan Kurdi

9. September 2019 - 15:42 Uhr

16-Jähriger stranguliert anderen 16-Jährigen

Die Situation an Bord der "Alan Kurdi" eskaliert immer weiter. Seit dem 31. August sitzen die Crew und mehrere gerettete Flüchtlinge auf dem deutschen Rettungsschiff fest. Sie dürfen keinen Hafen anlaufen, weil niemand die Flüchtlinge an Bord aufnehmen will. Die Nerven liegen inzwischen Blank. Nun hat wieder einer der Migranten an Bord versucht, sich das Leben zu nehmen. Kurz darauf griff einer der Geretteten einen anderen an.

Jugendlicher wollte sich ins Mittelmeer stürzen

Jugendliche werden von Rettungsschiff geholt
Wer als medizinischer Notfall eingestuft ist, wird von der „Alan Kurdi“ evakuiert.
© REUTERS, DARRIN ZAMMIT LUPI, DZL/DH

RTL-Reporterin Carolin Unger begleitet die Rettungsmission. Die Crew rettete 13 Jugendliche und junge Männer aus Tunesien. Sie waren mit einem seeuntauglichen Boot auf dem Mittelmeer unterwegs. Mehrere der Geretteten wurden inzwischen aus medizinischen Gründen von den maltesischen Behörden abgeholt. Acht waren noch an Bord, als einer der jüngeren sich plötzlich eine Rettungsweste schnappte und vom Schiff springen wollte.

Der Jugendliche war anscheinend so verzweifelt, dass er sich lieber auf hoher See in die Wellen stürzen wollte, als länger die ungewisse Situation an Bord auszuhalten. Er konnte aber gerade noch rechtzeitig von der Rehling heruntergezerrt werden. Auch die anderen drohten immer wieder, von Bord zu springen, wenn sie nicht bald an Land dürften.

Situation an Bord eskaliert immer weiter

Kurz darauf schaukelte sich die Situation weiter hoch: Ein 16-jähriger Flüchtling ging auf einen anderen aus der Gruppe los und strangulierte ihn. Der Crew gelang es, die Auseinandersetzung zu beenden. Der angegriffene Jugendliche musste medizinisch versorgt werden. Die maltesischen Behörden hatten daraufhin ein Einsehen und schickten noch mal ein Patrouillenboot zur "Alan Kurdi", um weitere drei Flüchtlinge abzuholen. Bei Twitter kritisierten die Seenotretter der Organisation "Sea Eye", dass die maltesischen Behörden warten würden, bis die Geretteten "kritische medizinische Fälle" seien.

„Seenotrettung ist Pflicht“

Laut Prof. Dr. Jochen Oltmer vom Institut für Migrationsforschung Osnabrück ist völlig ungewiss, was die Geretteten jetzt erwartet. "Wir wissen sehr wenig darüber, wer diese Menschen aufnehmen wird, jedes Mal, wenn ein Schiff Flüchtlinge aufnimmt, beginnt zwischen verschiedenen EU-Staaten das Kungeln in den Hinterzimmern", erklärt er im RTL.de-Interview.

Viele der Geretteten an Bord der Alan Kurdi genießen eigentlich besonderen Schutz, weil sie noch minderjährig sind. "Sie müssen mindestens bis zum 18. Lebensjahr, auch wenn es keine Bleibeperspektive gibt, geschützt werden", sagt der Migrationsforscher. Die Rechtslage sei an sich klar, meint Oltmer. Menschen, die an den europäischen Grenzen oder in internationalen Gewässern Schutz suchen, müssten aufgenommen werden. "Dann muss im Rahmen eines Asylverfahrens geprüft werden, ob ein Schutzanspruch besteht. Allerdings werden diese Regelungen momentan weitgehend ignoriert", so der Migrationsforscher.

"Es bleibt faktisch keine andere Lösung im Moment, als dass Kreuzfahrt- bzw., Containerschiffe oder private Organisationen Flüchtlinge aufnehmen", meint Oltmer. Seenotrettung sei Pflicht. "Schiffe wie die Alan Kurdi leisten ihren Beitrag, dass überhaupt Seenotrettung außerhalb der libyschen Hoheitszone stattfindet."

Geretteter auf der „Alan Kurdi“
Die Lage an Bord der „Alan Kurdi“ wird immer verzweifelter.
© REUTERS, Darrin Zammit Lupi, DZL/ata /JAS

Fünf Gerettete sitzen noch auf der „Alan Kurdi“ fest

Jetzt sind immer noch fünf Migranten an Bord der "Alan Kurdi". Auch sie sind verzweifelt, weil sie seit Tagen festsitzen und nicht wissen, wie es für sie weitergeht. Die Crew versucht zwar, die Geretteten so gut es geht abzulenken und zu beschäftigen, aber wenn es nicht bald eine Entscheidung gibt, was mit den Flüchtlingen passiert, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis der nächste versuchen wird, von Bord zu springen.