Verrückte Tradition in Großbritannien

Neuer Parlamentspräsident im britischen Unterhaus zum Platz gezerrt

4. November 2019 - 23:39 Uhr

Neuer Speaker im britischen Unterhaus: Lindsay Hoyle

Bye bye, John Bercow. Der für seine "Order!"-Rufe bekannt gewordene Speaker des britischen Parlaments ist nicht mehr im Amt. Sein am Montag gewählter Nachfolger ist ein Mann namens Lindsay Hoyle. Doch der neue Präsident des Unterhauses ging nicht ganz freiwillig zu seinem Stuhl, sondern wurde nach alter britischer Tradition zu seinem neuen Platz gezerrt. Die kuriose Szene zeigen wir im Video.

Wichtige Rolle: Parlamentspräsident vertritt die Kammer unter anderem gegenüber der Königin

Der Labour-Abgeordnete Lindsay Hoyle setzte sich am Abend im vierten Wahlgang mit 325 Stimmen gegen seinen Parteifreund Chris Bryant durch. "Ich werde neutral sein, ich werde transparent sein", gelobte der 62 Jahre alte Politiker.

Der neue "Speaker of the House of Commons" wurde von seinen Kollegen zu seinem Stuhl gezerrt - eine Tradition aus vergangenen Jahrhunderten. Denn früher musste der Speaker die Beschlüsse des Unterhauses direkt an den Monarchen kommunizieren. Passte dem die Meinung des Unterhauses nicht, wurde der Nachrichtenüberbringer nicht selten dafür hingerichtet. Hoyle machte bei dem Schauspiel mit und ließ sich widerwillig zu seinem Platz begleiten.

Der Parlamentspräsident hat eine zentrale Rolle im Unterhaus inne. Er erteilt und entzieht Abgeordneten das Wort, entscheidet über die Zulässigkeit von Anträgen und vertritt die Kammer unter anderem gegenüber der Königin und dem Oberhaus (House of Lords).

Im Video: Der berühmte "Order!"-Ruf von Ex-Speaker John Bercow

Das Parlament werde sich zum Besseren verändern, kündigte der Sozialdemokrat Lindsay Hoyle an. Er werde wieder dafür sorgen, dass Respekt und Toleranz gegenüber jedem gezeigt werde, der im Parlament arbeite - ein wenig versteckter Seitenhieb an seinen Vorgänger John Bercow, der immer wieder wegen seiner ruppigen Auftretens in die Kritik geraten war.

Bercow, der durch seine "Ordeeer"-Rufe auch im Ausland bekannt geworden war, hatte vergangene Woche nach zehn Jahren das Amt abgegeben, nur kurz bevor das Parlament für die vorgezogene Wahl am 12. Dezember aufgelöst wird. Dadurch wurde die Auswahl des neuen Speakers ungewöhnlicherweise am Ende statt zu Beginn einer Legislaturperiode getroffen.

Bercow war der 157. "Speaker" und seit 2009 im Amt. Er galt als großer Reformer, der den Hinterbänklern viel öfter das Wort erteilte als bis dahin üblich. Er verzichtete auf das traditionelle Gewand des Speakers. Stattdessen trug er Anzug, oft schrille Krawatten und eine schlichte Robe. Perücken waren bereits unter seinen Vorgängern aus der Mode gekommen.

Quelle: dpa/RTL.de