In der Corona-Krise

30 Prozent mehr häusliche Gewalt in Berlin

© dpa, Maurizio Gambarini, gam sup sab rho

02. Juli 2020 - 17:42 Uhr

Ständiges Beisammensein schürte Konfliktpotential

Während viele Familien auf engstem Raum zusammensaßen, waren Frauen und Kinder zu Hause oft nicht sicher. Der Lockdown hat zu einer deutlichen Zunahme an häuslichen Gewalttaten geführt. Betroffene wurden laut Behörden häufiger schwerste Verletzungen, Brüche oder Würgemale am Hals zugefügt.

„Befürchtungen haben sich bewahrheitet“

In den ersten Monaten der Corona-Pandemie haben sich viele Menschen auf ihre eigenen vier Wände beschränkt. Doch statt familiärer Harmonie herrschte in vielen Haushalten aufgeheizte Stimmung. Nach Einschätzung von Justiz und Rechtsmedizin ist es im Vergleich zum Vorjahr zu einem deutlichen Anstieg der Gewalttaten zu Hause gekommen.

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"Alle Befürchtungen, die wir hatten, haben sich bewahrheitet", sagte Saskia Etzold, Leiterin der Berliner Gewaltschutzambulanz, bei einer ersten Zwischenbilanz am Donnerstag. "Wir hatten schwerste Verletzungen. In fast allen Fällen spielten Brüche eine Rolle oder Gewalt gegen den Hals."

Taten wurden im März kaum erfasst

Demnach hat die Gewaltschutzambulanz im Juni 2020 im Vergleich zum Juni 2019 einen Fallanstieg von 30 Prozent verzeichnet. Im ersten Halbjahr 2020 registrierte man in der Hauptstadt 783 Fälle. Zu Beginn des Lockdowns im März war zunächst ein deutlicher Rückgang der Fälle um insgesamt 24 Prozent festgestellt worden. Das habe laut Behörden daran gelegen, dass kaum jemand vor die Tür gegangen sei.

Nach Ostern folgte dann die Kehrtwende bei der Zahl der registrierten Fälle: Mit dem Höhepunkt der Lockerungsmaßnahmen habe es in den ersten beiden Juniwochen einen Anstieg um ganze 50 Prozent gegeben. "Corona trifft Frauen und Kinder besonders hart", sagte Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) mit Blick auf Gewalttaten. Es habe auch deutlich mehr Anzeigen bei den Strafverfolgungsbehörden gegeben.

Ein Fünftel mehr Kindesmisshandlungen

Unterdessen sei die Zahl der Kindesmisshandlungen im ersten Halbjahr dieses Jahres um rund ein Fünftel gestiegen. Die Opfer seien etwa mit Gürteln, Kabeln oder Stöcken geschlagen worden. Neu sei aber, dass Jugendliche selbst die Polizei alarmierten – etwa, wenn sie sich in ihrem Zimmer eingeschlossen haben.

Saskia Etzold, Leiterin der Berliner Gewaltschutzambulanz, erklärte: "Es wird in allen Schichten, Ethnien und Religionen geprügelt."

Auch Männer werden immer wieder Opfer von häuslicher Gewalt. Sie schämen sich, weil sie von ihren Partnerinnen gedemütigt, degradiert und sogar geschlagen werden. Lesen Sie hier, wie man Gewalt in einem Paarkonflikt vermeiden kann.

Sexualdelikte um fast ein Drittel gesunken

Nur eine Zahl macht Hoffnung: Im ersten Halbjahr dieses Jahres gab es bei Sexualdelikten im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang um fast ein Drittel (32 Prozent).

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