Neue Verbote als "gutes Mittel" gegen gewaltbereite Fußballfans? Populistischer Quatsch!

Polizisten versuchen eine Gruppe Fans des Hamburger SV aufzuhalten.
Polizisten versuchen eine Gruppe Fans des Hamburger SV aufzuhalten.
© dpa, Carmen Jaspersen

22. Juni 2015 - 13:38 Uhr

Ein Kommentar von Sebastian Wieseler

In dieser Woche wollen die Innenminister der Bundesländer auf der Innenminister-Konferenz (IMK) das Thema Gewalt in Fußball-Stadien diskutieren. Bereits im Vorfeld zeigte IMK-Chef Roger Lewentz, dass man weiterhin glaubt, Verbote seien bei dieser Problematik das Allheilmittel. Doch sind weniger Karten für Fans der Gast-Mannschaft und umfassende Alkohol-Verbote – "auch im Umfeld des Stadions" – die Lösung der Gewalt-Probleme oder eher der Versuch eines wenig bekannten Politikers, das Sommerloch schlagzeilenträchtig zu füllen?

Zuerst muss der medial aufgebauschte Mythos vom Gewalt-Problem in deutschen Fußballstadien, den allen voran die Innenminister und Polizei-Funktionäre seit Jahren pflegen, auf vernünftiges Maß gebracht werden: 0,007 Prozent der 18,4 Millionen Stadionbesucher der Spiele im deutschen Profi-Fußball wurden in der Saison 2013/2014 verletzt. Diese Statistik geht aus dem aktuellsten Jahres-Bericht der Zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze der Polizei hervor – und zeigt, dass Stadionbesuche als ungefährlich einzuschätzen sind.

Traurige Einzelfälle sorgen dafür, dass Gewalt im Fußball trotzdem ein Thema ist, mit dem sich Politiker profilieren wollen. Dabei wählen sie leider den für sie komfortabelsten Weg. Über die Köpfe der Betroffenen hinweg wird über Verbote beraten, die zur Problemlösung nichts beitragen, ganz im Gegenteil:

Neue Verbote zerstören Fortschritte, die Fan-Betreuer und Fan-Projekte bei vielen Bundesliga-Vereinen in jahrelanger harter Arbeit erreicht haben. Dort werden szenekundige Beamte und gewaltbereite Fans an einen Tisch gebracht, in zahllosen Gesprächen wird um Annäherungen und kleine Kompromisse zwischen zwei Gruppen gerungen, die sich bedingt durch beiderseitige Fehler aus der Vergangenheit mehr als kritisch und misstrauisch gegenüber stehen. Und wenn man denkt, man sei auf einem guten Weg, kommt von irgendwo ein Innenminister her, der denkt mit einer Verbots-Idee mehr zu erreichen als gewalttätige Reaktionen der gewaltbereiten Fans, die sich ohnehin von staatlicher Repression bedroht fühlen.

Gutes Mittel um friedliche Fußball-Fans zu ärgern

Der rheinland-pfälzische Innenminister Lewentz erklärt, "wenn es weniger Gästekarten gäbe, könnten mehr Pufferzonen in den Sitzblöcken eingerichtet werden. Das wäre ein gutes Mittel gegen Gewalt." Vor allem ist das ein gutes Mittel, um friedliche Fußball-Fans zu ärgern, die ihren Herzensverein auch bei Auswärtsspielen lautstark unterstützen möchten. Für eine Vergrößerung der Pufferzonen in den modernen Arenen der Bundesliga gibt es keinerlei Argumente. Und selbst im altehrwürdigen Stadion am Böllenfalltor des Erstliga-Aufsteigers SV Darmstadt 98 sind die Sicherheitsvorkehrungen mehr als ausreichend. Allein schon weil die Deutsche Fußball-Liga (DFL) in ihrer Lizenz-Ordnung Sicherheitskriterien für die Stadien vorschreibt. Für eine Verschärfung der Regeln gibt es schlichtweg keinen Grund.

Eine Limitierung der Gästekarten ist noch kein neues Verbot. Denkt sich auch Lewentz und fordert gleich noch ein "umfassendes Alkoholverbot bei Risikospielen auch im Umfeld des Stadions." Eine Forderung, die eigentlich nur eine Frechheit ist. Zehntausenden Menschen verbieten, am Wochenende auf dem Weg zum Stadion ein Bierchen zu trinken, weil man glaubt, Gewaltbereite wären weniger gewaltbereit, wenn man ihnen Alkohol verbietet? Wer es trotz schärfster Kontrollen schafft verbotene pyrotechnische Gegenstände in ein Stadion zu schmuggeln, wird über ein Alkohol-Verbot im Stadion-Umfeld müde lächeln. Wenn er es nicht als neue Chance erkennt, sein Feindbild Polizei biertrinkend zu provozieren.

Zum Abschluss erklärt der IMK-Chef noch, es wäre denkbar, aggressiven Fußballanhängern zu verbieten, mit dem Zug anzureisen. Denkbar ist sehr viel, wenn man von der Materie keine Ahnung hat. Daher sollten die Innenminister auf einer ihrer nächsten Konferenzen ernsthaft darüber nachdenken, wie man der Polizei vor Ort, den Vereinsvertretern und den Fans den Dialog erleichtern kann, statt alle paar Monate planlos Öl ins Feuer zu gießen.