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Neue Kriminalstatistik: So oft werden Menschen in Deutschland Opfer von Partnerschaftsgewalt

Die Gefahr lauert im eigenen Bett

So oft werden Menschen in Deutschland Opfer von Partnerschaftsgewalt

Partnerschaftsgewalt
Die neuen Zahlen zur Partnerschaftsgewalt in Deutschland werden vorgestellt.
mjh cor sja abl, dpa, Maja Hitij

Familienministerin Franziska Giffey stellt neue Zahlen vor

Wie oft werden Menschen in Deutschland Opfer von Gewalt durch Partner oder Ex-Partner ? Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hat zusammen mit dem Chef des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, neue Zahlen zur Partnerschaftsgewalt vorgestellt. Dabei geht es um Delikte von Stalking, Bedrohung und Nötigung über Körperverletzung, Vergewaltigung, Freiheitsberaubung und Zwangsprostitution bis zu Mord und Totschlag.

Giffey: "Über de Hälfte der Opfer lebt mit den Tätern unter einem Dach"

Die Entwicklung der Partnerschaftsgewalt bereitet der Familienministerin Sorgen: „Häusliche Gewalt ist keine Privatsache bei über 141.000 Taten im Jahr. Das sind Straftaten. Es ist immernoch so, dass diese Gewalt in Partnerschaften noch immer ein Tabu ist und dass Schluss sein muss mit diesem Tabu.“, sagt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey.

81 Prozent der Betroffenen im letzten Jahr waren Frauen. Oft lauert die größte Gefahr im eigenen Zuhause: „Über de Hälfte der Opfer lebt mit den Tätern unter einem Dach. Man kann also sagen, der Feind im eigenen Bett.“ 75 bis 80 Prozent der Betroffenen holen sich aber keine Hilfe. Die Täterinnen und Täter sind meist die Lebenspartner.

Ex-Partner sind häufig die Täter

„In allen Deliktsbereichen überwiegen die weiblichen Opferzahlen deutlich. Bei psychischen Gewaltdelikten, also Bedrohung, Stalking etc. sind es 89 Prozent. Bei Zuhälterei und Zwangsprostitution annähernd 100 Prozent. Und auch bei Mord- und Totschlag sind es 76 Prozent, wo Frauen Opfer werden.“, sagt Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes. Allerdings nehme auch die Zahl der Männer, die Opfer werden, zu.

In den Beziehungen zwischen Opfern und Täter überwiegen der Ex-Partner (38 Prozent). Es folgt der Ehepartner (33 Prozent) und der Lebensgefährte (29 Prozent). Die Täter sind in der Regel Männer. Alkohol spielt bei den Taten oft eine große Rolle: Rund ein Viertel der erfassten Tatverdächtigen griff vor dem Gewaltausbruch zum Glas.

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Corona verschlimmert die Situation

Es sei außerdem sehr wahrscheinlich, dass die Corona-Pandemie die Lage nochmal verschärft hat: „Es ist eben deutlich, in besonderen Krisensituationen, in besonderen Konfliktsituationen in der Menschen auf engem Raum zusammen leben, verschärfen sich Situationen.“, sagt Franziska Giffey.

Die Gründe für das Tat liegen oft Jahre zurück: „Wir wissen, dass die Täter in ihrer Kindheit und ihrer Jugend selbst häusliche Gewalt erfahren haben. Ein weiterer wesentlicher Faktor sind individuelle Stressfaktoren, berufliche oder wirtschaftliche Unsicherheiten, Überforderungen in der Lebenssituation, in der Kinderbetreuung.“, so Münch.

Welche Auswirkungen die Pandemie wirklich nimmt, wird die Kriminalstatistik erst im nächsten Jahr zeigen. Das Bundeskriminalamt kündige eine Sonderauswertung an.

Nur wenige Opfer suchen sich Hilfe

Die polizeiliche Kriminalstatistik bildet allerdings nur das Hellfeld ab, also die Straftaten, die der Polizei bekannt werden. Und das Dunkelfeld ist erheblich. Aus Angst vor möglichen Konsequenzen stellen viele Opfer erst gar keine Strafanzeige. Scham, finanziellen Abhängigkeit – es gebe viele Gründe, warum gerade im Bereich der partnerschaftlichen Gewalt der Weg zur Polizei nicht gesucht werde, so Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes.

Giffey erhofft sich Engagement von allen Bürgerinnen und Bürgern: „Jeder kann entscheiden, ob er oder sie hinsieht.“ Die Initiative „stärker-als-gewalt.de“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“ macht auf das Thema häusliche und digitale Gewalt aufmerksam. Opfer sollen ermutigt werden, sich Hilfe zu holen.

Ein großes Versprechen ist in Planung: „Jeder der von Gewalt betroffen ist, soll auch Hilfe bekommen.“ Auch klarere gesetzliche Regelungen gehören dazu, mehr Geld soll beispielsweise auch in Frauenhäuser investiert werden.

Hier finden Sie Hilfe bei Gewalt

Nicht nur Frauen sind Opfer von häuslicher Gewalt - auch Kinder und Männer werden im scheinbaren Schutz des eigenen Heims geschlagen und missbraucht. Eine Liste mit Anlaufstellen, bei denen Opfer und Angehörige Hilfe finden, gibt es hier.