Neue Greenpeace-Studie: "Überalterte Atomkraftwerke sind tickende Zeitbomben"

05. März 2014 - 19:57 Uhr

Report: "Neue Ära des atomaren Risikos"

Mit Aktionen am mit 45 Jahren dienstältesten Kernkraftwerk der Welt im schweizerischen Beznau sowie im belgischen Tihange hat Greenpeace ein sofortiges Abschalten veralteter Atomreaktoren verlangt. Knapp drei Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima gab es weitere Aktionen in Spanien, Schweden, Frankreich und den Niederlanden. Die Anti-Atom-Organisation '.ausgestrahlt' kündigte Demonstrationen und Mahnwachen rund um den dritten Jahrestag der japanischen Reaktorkatastrophe am 11. März an.

Atom AKW Greenpeace Studie Gefahr
Am grenznahen AKW in Beznau (Schweiz) bestiegen Kletterer den Reaktor 2.
© dpa, Urs Flueeler

Europa betritt laut einer Greenpeace-Studie eine "neue Ära des atomaren Risikos". Über 60 der AKW auf dem Kontinent seien bereits älter als 30 Jahre, einige hätten sogar die 40 Jahre überschritten. Der Report beweise: Steigendes Alter erhöht die Gefahr eines schweren Unfalls. Dennoch planten viele Regierungen, die Laufzeiten der Kernkraftwerke zu verlängern und die Erzeugerleistungen noch zu steigern. Das Durchschnittsalter der 151 Atomkraftwerke in Europa betrage 29 Jahre.

"Die überalterten Atomkraftwerke sind tickende Zeitbomben. Der Weiterbetrieb ist absolut unverantwortlich", sagte Heinz Smital, Kernphysiker und Greenpeace-Atomexperte. "Die maroden Uralt-Meiler an der Grenze zu Deutschland müssen unverzüglich vom Netz gehen, bevor es zu einem schweren Unfall mit Auswirkungen für ganz Europa kommt." Stattdessen sei die Laufzeit des störanfälligen Meilers Tihange 1 gerade auf 50 Jahre verlängert worden. Zu den störanfälligsten Meilern Europas gehören laut Greenpeace die französischen Atomkraftwerke in Fessenheim von 1978 und Cattenom von 1987.

46 alte Meiler sollen noch länger laufen

Staaten wie Frankreich und die Schweiz ignorieren laut Greenpeace das Risiko, das von den alternden Systemen ausgeht. Belgien habe zwar den Atomausstieg beschlossen, lasse Tihange aber dennoch länger am Netz.

Insgesamt wollen laut der Umweltschutzorganisation in Europa zurzeit Energieunternehmen Laufzeitverlängerungen für 46 alte Atomreaktoren in die Wege leiten. Die Alterung sei auch in Deutschland, Finnland, Ungarn, Großbritannien, Schweden, Slowenien, Spanien, in der Slowakei und der Ukraine sowie in den Niederlanden ein großes Problem. In der Bundesrepublik sollen die letzten AKW allerdings Ende 2022 vom Netz gehen.

In gut zwei Wochen berät die Europäische Union über ihren Energiemix im Jahr 2030 – und damit auch über den Anteil der Atomkraft. Greenpeace-Experte Smital ist überzeugt: "Bisher drängt Europa zu wenig auf den Ausbau der erneuerbaren Energien. Das vorgeschlagene Ziel um 'mindestens 27 Prozent' ist deutlich zu niedrig, um einen Systemwechsel von Kohle und Atom hin zu Sonne und Wind zu bewirken." Er fordert für jedes Mitgliedsland mindestens 45 Prozent als verbindliches Ziel. Ansonsten bleibe Europa jahrzehntelang von Atomkraft und Kohleenergie abhängig. Ähnlich äußerte sich die Umweltorganisation BUND.