Ilkay Gündogan, der Experte

Die schwierigste Aufgabe im DFB-Team

Ilkay Gündogan steht vor einer großen Herausforderung im DFB-Team.
Ilkay Gündogan steht vor einer großen Herausforderung im DFB-Team.
© dpa, Peter Steffen, hak

11. November 2020 - 9:41 Uhr

Von Tobias Nordmann und Jonas Gerdes

Die doch nicht ganz so schwere Verletzung von Joshua Kimmich trifft auch das DFB-Team. Für den anstehenden Dreierpack steht der 25-Jährige nicht zur Verfügung. Für Ilkay Gündogan ist das die Chance, dem Bundestrainer ein gutes Gefühl für 2021 zu geben.

Gündogans Turbulenzen im DFB-Team sind abgehakt

Mit großen Aufgaben in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft kennt sich Ilkay Gündogan aus. Am 20. März des vergangenen Jahres beispielsweise, da führte er das Team von Bundestrainer Joachim Löw im Testspiel gegen Serbien in der zweiten Halbzeit als Kapitän über den Rasen der Wolfsburger Arena. Es war ein besonderer Moment, eine kuriose Wende. Denn Gündogan, der hatte in diesem Moment eine besonders schwere Last ablegen können. Die Last des heftig kritisierten Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, die ihm schwerste Anfeindungen und fortwährende Pfiffe eingebracht hatte. Es war eine Last, die seinen Freund Mesut Özil in der aufwühlenden Folge zum Bruch mit dem DFB-Team bewegte.

Löw wollte daraus damals keine große Sache machen. "Ich habe mich umgeschaut und hatte das Gefühl, dass Ilkay von den Spielern, die dafür infrage kamen, der erfahrenste ist", sagte der Bundestrainer. Eine rein sportliche, keine politische Entscheidung - so mochte er die Geste verstanden wissen. Die Turbulenzen des vergangenen Jahres - abgehakt. Dass sie Mitte Oktober 2019 noch einmal aufzuploppen drohten, als der Spielmacher ein in Deutschland höchst umstrittenes Salut-Jubel-Foto zur türkischen Militär-Intervention in Syrien des Auswahlspielers Cenk Tosun "likte", das konnte der DFB schnell, wenn auch wenig souverän, abmoderieren. Gündogan trat schnell in die Öffentlichkeit, erklärte sich und positionierte sich klar gegen Terror und Gewalt. Dass er im EM-Qualifikationsspiel gegen Estland (3:0), in Tallinn, sportlich eine seiner besten Leistungen für Deutschland ablieferte, das half sicher auch

Ilkay Gündogan war schon einmal mit der deutschen Kapitänsbinde auf dem Platz unterwegs.
Ilkay Gündogan war schon einmal mit der deutschen Kapitänsbinde auf dem Platz unterwegs.
© Imago Sportfotodienst

Gündogan muss das Kimmich-Loch stopfen

In seinem 35. Länderspiel hatte er, die Statistiker von Opta hatten es gezählt, 180 Ballaktionen. Aber das war ja nicht alles, er schoss sein sechstes und sein siebtes Tor für die Nationalmannschaft. Ach ja, das 3:0 bereitete Gündogan auch noch vor. Im defensiven Mittelfeld war er der Antreiber im Spiel seines Teams, stets anspielbar, stets unterwegs - guter Fußballer, der Mann. Aber das wussten sie beim DFB ja ohnehin bereits. Nun kommt auf diesen guten Fußballer erneut eine verdammt große Aufgabe zu, die mutmaßlich schwierigste, die es derzeit im sportlichen Dunstkreis der Nationalmannschaft gibt. Ilkay Gündogan wird den am Meniskus verletzten Joshua Kimmich vertreten müssen. Wenn (noch) nicht im Experimentierspiel am Mittwoch (ab 20.15 Uhr live bei RTL und TVNOW) gegen Tschechien, dann aber ganz sicher in den Nations-League-Duellen gegen die Ukraine am Samstag und Spanien am Dienstag.

Dort soll, dort muss, dort wird der 30-Jährige eine Schlüsselrolle einnehmen. Im zentralen Mittelfeld wird er das junge Team gemeinsam mit Toni Kroos führen. Eine große Aufgabe. Aber das kennt er ja, das kann er ja und das will er auch. "Ich bin jetzt einer der erfahrenen Spieler und versuche das durch Leistung zu rechtfertigen", erklärte er in einer Medienrunde vor dem Spiel gegen die Tschechen. "Ich werde auch den jungen Spielern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen." Das aber auf seine Weise. "Jeder im Team hilft mit seinen eigenen Charaktereigenschaften. Der eine ist lauter, der andere leiser. Ich denke, dass es wichtig ist, authentisch zu bleiben."

Video: Gündogan über besondere Benefiz-Aktion und Corona

Gündogan womöglich zum zweiten Mal Kapitän

Sollte er auch am Mittwoch spielen, was laut Löw wegen der Belastungssteuerung nach überstandener Corona-Infektion noch nicht endgültig entschieden ist (eine Halbzeit scheint indes wahrscheinlich), würde er das wohl erneut, dann zum zweiten Mal als Kapitän tun. Und als dieser würde er Dinge, die ihn stören, deutlich ansprechen. Davon hatte er beim letzten Länderspiel-Dreier im Oktober in seiner Isolation einige gesehen. Vor allem hatte er, wie alle anderen auch, eine sehr anfällige Defensive beobachtet.

"Man muss sagen, dass drei Gegentore in einem Heimspiel gegen die Schweiz zu viel sind, das muss man sich ankreiden lassen", erklärte Gündogan im Exklusiv-Interview mit RTL und ntv. Dafür wollte er aber nicht bloß die Mannschaftsteile anzählen, die ressortgebunden für die Defensive verantwortlich sind, der Mittelfeldspieler von Manchester City nahm das ganze Kollektiv in Abwehrhaft. "Man kann wahrscheinlich die besten Verteidiger der Welt haben, aber wenn das Gesamtsystem nicht stimmt, dann ist man immer auch anfällig in der Defensive", sagte er. "Wir müssen also schauen, dass wir bis zum Sommer spätestens ein stabiles Gesamtsystem haben und dann werden alle Mannschaftsteile profitieren."

Im top-besetzten Mittelfeld wäre Gündogan gerne Stammkraft

Das zentrale Mittelfeld, die sportliche Heimat von Gündogan, ist dabei der Ort, der ein stabiles System erfolgreich orchestrieren muss. Es ist in der Nationalmannschaft aber auch der Ort, an dem sich die mit Abstand höchste Dichte an absoluter Top-Qualität im Kader tummelt. Es ist der Ort, der seit sehr vielen Jahren von Toni Kroos dominiert wird und im Nachgang der WM-Katastrophe 2018 sehr erfolgreich um Kimmich ergänzt worden ist. Das deutsche Kraftzentrum aus kühler Souveränität (Kroos) und galligem Antrieb (Kimmich), ergänzt um die Dynamik eines Leon Goretzka oder der Kreativität von Kai Havertz ist der Mannschaftsteil, von dem Löw inspirierende Lösungen einfordert.

Eine könnte sein: Wie integriert man Gündogan, wenn alle Spieler fit sind und nicht geschont werden müssen. Das war ja zuletzt eher selten der Fall. Auch deshalb spielte er in seinen vergangenen acht Länderspielen sieben Mal von Beginn an. Seit dem deutschen Neustart nach Russland waren es neun Startelfeinsätze in zwölf Spielen (acht Mal fehlte er verletzt, einmal wurde er geschont). Als gesetzte Kraft fühlt er sich dennoch nicht. "Ich sehe mich immer in der Konkurrenzsituation. Das tut meiner Meinung nach der Mannschaft auch gut. Ich fühle mich nicht als Stammspieler. Aber um ehrlich zu sein, ich wäre es gerne. Ich muss jetzt Leistung zeigen, damit mich das Trainerteam auch als solchen Spieler sieht."

Der 30-Jährige will "verantwortungsvoll" mit Corona-Gefahr umgehen

Tatsächlich tut Gündogan mit seinem Gefühl für Situationen, mit seinem herausragenden Passspiel und seiner Erfahrung dem Team sehr gut. Er ist eigentlich unverzichtbar, wenn er nicht eben zwei absolut Unverzichtbare vor sich wähnen würde. Doch nicht nur sportlich gibt der 30-Jährige der Mannschaft sehr besondere Dinge. Auch als sehr reflektierter Charakter bereichert er das DFB-Team, das zuletzt unter der Abkehr der Fans zu leiden hatte. Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für "t-online" nennen 35,6 Prozent der Befragten die unattraktive Spielweise als Hauptgrund für ihr sinkendes Interesse an den Spielen. "Es kann sein, dass es an Corona liegt und viele sich fragen, warum man diese Spiele durchführt", sagt Gündogan. Er als Spieler freue sich jedenfalls immer auf die Spiele, selbst wenn der Kalender voll ist. "Wir möchten gut spielen und möglichst auch gewinnen."

Corona, das ist auch ein Thema, das Gündogan sehr am Herzen liegt. Dem er mit einer bemerkenswerten Selbstreflexion und Ehrlichkeit begegnet. Er selbst habe das Virus lange auch nicht so ernst genommen, wie man es tun sollte. Dann aber war er infiziert und hatte sehr anstrengende Tage zu überstehen. Es waren Tage, die ihn intensiv zum Nachdenken bewogen hatten. "Das macht nicht nur körperlich was mit einem. Für mich war es am schlimmsten, als mich mein Großvater angerufen hat und fast das ganze Telefonat hindurch geweint hat", sagte er an diesem Dienstag. "Das hat mir gezeigt, dass er sich große Sorgen um mich, aber auch um sich macht. Das Gespräch werde ich nie vergessen, weil es mich so berührt hat. Aus Respekt vor meinen Liebsten werde ich sehr verantwortungsvoll umgehen." Mit großen Aufgaben kennt sich Ilkay Gündogan aus, nicht mehr nur in der Nationalmannschaft.

Quelle: ntv.de

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