Natascha A. stach in Notwehr zu

Lebensgefährten nach monatelanger Gewalt getötet: 34-jährige Mutter muss nicht ins Gefängnis

Natascha A. mit ihrem Anwalt vor dem Kieler Landgericht
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18. Februar 2020 - 17:40 Uhr

Zu Hause gab es ständig Streit, Schläge und Tritte

Monatelang wurde Natascha A. von ihrem gewalttägigen Lebensgefährten gequält. Dann hielt sie es nicht mehr aus. Sie griff zum Messer, stach zweimal auf ihn ein. Heute fiel vor dem Kieler Landgericht das Urteil gegen die 34-Jährige.

Natascha A. muss eine Therapie machen

Sie handelte aus Notwehr, hatte zum Tatzeitpunkt mehr als zwei Promille Alkohol im Blut und leidet unter einer schweren Persönlichkeitsstörung. Deshalb entschied sich das Kieler Landgerichts für eine Bewährungsstrafe von neun Monaten gegen Natascha A. aus Schmalfeld in Schleswig-Holstein. Weil sie nach kurzer Zeit ein zweites Mal zustach, sah das Gericht aber den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung als gegeben an. Für die Bewährungszeit von drei Jahren erteilte die Kammer einige Auflagen. So muss die 34-Jährige eine Therapie gegen ihre Sucht machen und sich psychologisch helfen lassen.

Während die Staatsanwältin Totschlag in minder schwerem Fall für erwiesen hielt und drei Jahre Haft beantragt hatte, hatte der Verteidiger von Natascha A. auf Notwehr plädiert und Freispruch gefordert. Die Angeklagte hatte im Prozess angegeben, in Panik gehandelt zu haben.

Ihre Partnerschaft sei ein Martyrium gewesen

Das Landgericht in Kiel vor der Urteilsverkündung
Das Kieler Landgericht vor der Urteilsverkündung gegen Natascha A..
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Während der Urteilsverkündung hatte der Richter die Beziehung von Natascha A. als extrem gewalttätig beschrieben. Adrian H. sei eifersüchtig gewesen, habe über Monate hinweg immer wieder zugeschlagen, Natascha A. sogar ins Gesicht getreten, sie vom Fahrrad gerissen oder gegen einen Tisch geworfen, berichten RTL-Reporterinnen Finja Rathmann und Camilla von Elm, di ebei dem Prozess vor Ort waren. Auch vor den Augen ihrer zwei Kinder. Er habe Natascha A. als Schlampe und Hure beschimpft. Teilweise über Stunden musste die Mutter die Gewaltausbrüche ihres Partners zu Hause ertragen. Bis zum 14. Dezember 2018.

Monatelang wurde sie von ihrem Lebensgefährten verprügelt - bis sie es nicht mehr aushielt

An jenem Freitagabend stach die damals 33-Jährige nach einem Streit mit einem Messer aus der Küchenschublade auf ihren Lebensgefährten ein. Sie traf ihn zweimal und verletzte ihn damit tödlich. Der 35-Jährige starb noch im Haus. "Man kann sich gar nicht vorstellen, was das für Langzeitfolgen für Ihre Kinder hat", wendete der Richter sich am Ende der Urteilsverkündung noch an die Mutter. "Welcher böse Geist reitet Sie eigentlich, sich immer wieder mit solchen Männern zusammenzutun und dann auch so lange bei ihnen zu bleiben", sagte er in Anspielung zu früheren gewalttätigen Partnern der Frau.

Eine Gewaltspirale, aus der Natascha A. nicht zu entkommen wusste - und sich schließlich nur mit einem Messer befreien konnte.

Alkoholprobleme führen zum tödlichen Streit kurz vor Weihnachten

Häufig gab es Streit zwischen Adrian und Natascha. Zwischendurch trennte sie sich von ihm, dann versöhnten sich beide wieder. Es war ein ständiges Hin und Her. Irgendwann wollte sie sich nicht mehr demütigen lassen und ihre Kinder schützen. "Die Kinder und ich leiden", schrieb sie ihm auch in einer Nachricht. Am Tatabend im Dezember hatte die Mutter viel getrunken und wollte mit Adrian, der auch oft viel trank, über eine gemeinsame Alkohol-Therapie sprechen.

Aber Adrian H. schlug und trat zu, wie so oft unter Alkoholeinfluss. Auch der Untermieter, der im Keller des Hauses wohnt, bestätigte vor Gericht die erhebliche Aggressivität des Mannes. Bei ihm im Kellerzimmer suchte die Mutter mit den Kindern noch kurz vor ihrer Tat Schutz. Sie ging dann wieder nach oben - aus heutiger Sicht ein fataler Fehler, denn als sie die Polizei rufen wollte, schlug er ihren Kopf gegen den Herd. Als sie mit einem Küchermesser bewaffnet ihre Kinder holen wollte, um das Haus zu verlassen, versuchte er, sie daran zu hindern. Dann stach sie zu. Danach hat sie Ihre Kinder aus dem Keller hoch geholt und sie beim Hinausgehen aufgefordert, die Wand anzugucken. Natascha A. wollte wohl so verhindern, dass die Söhne Adrian H. nicht blutend am Boden liegend sehen.

Adrian H. war schon als Kind aggressiv

Die Vorgeschichte von Adrian H. sei von Gewalt geprägt gewesen, so der Richter in seiner Urteilsbegründung. Schon seiner Mutter gegenüber sei er gewalttätig geworden, wenn er zum Beispiel sein Zimmer aufräumen musste. Kurz vor seinem 18. Geburtstag habe sie ihn aus dem Haus geschmissen und ihn angezeigt. Er habe bereits früh viel getrunken, später auch Drogen konsumiert.

Auch seine Ex-Freundinnen hätten seine Gewaltausbrüche zu spüren bekommen. Wegen diverser Körperverletzungen war er bereits zu elf Monaten auf Bewährung verurteilt.

Erst ein halbes Jahr vor der tödlichen Attacke, im Sommer 2018, waren Natascha A. und Adrian H. ein Paar geworden. Nataschas Söhne waren zu diesem Zeitpunkt gerade im Grundschulalter. Bereits kurze Zeit später zog der neue Freund zu Natascha ins Rotklinker-Einfamilienhaus nach Schmalfeld, wo die Spirale der Gewalt ihren Anfang nahm.

Jede dritte Frau wird einmal im Leben Opfer von häuslicher Gewalt

Mehr als einmal pro Stunde wurde 2018 eine Frau in Deutschland in der Partnerschaft gefährlich körperverletzt. Das eigene Zuhause ist für Frauen statistisch gesehen einer der gefährlichsten Orte überhaupt, warnte kürzlich auch UN Women, die Frauenorganisation der Vereinten Nationen. Nur etwa jedes fünfte Opfer von Gewalt sucht sich Hilfe.

Hier haben wir eine Liste der wichtigsten Anlaufstellen zusammengestellt, an die sich Opfer von Gewalt im Notfall wenden können.