Nasser wehrt sich vor Gericht: Familie wollte ihn nach Coming-Out entführen

02. Juni 2015 - 14:45 Uhr

Urteil: Nur Geldstrafe für Vater und zwei Onkel

Nasser ist ein mutiger junger Mann. Der 18-Jährige zog vor Gericht: Gegen seinen Vater und zwei Onkel. Die Männer entführten ihn im Jahr 2012. Doch der Fall reicht noch viel weiter. Der homosexuelle Nasser wirft seiner Familie vor, dass sie ihn nach seinem Coming-Out zwangsverheiraten wollten, dass er mehrfach bedroht und sogar misshandelt wurde.

Zwangsehe: Nasser kämpft gegen seine Familie
Nasser trägt einen Aufkleber mit der Aufschrift "Stop Homophobia" am Hemd als er vor Gericht erscheint.
© REUTERS, AXEL SCHMIDT

Im Prozess ging es lediglich um die Tatvorwürfe der Freiheitsberaubung und der Entziehung Minderjähriger. Der Vater und zwei Onkel hatten Nasser, als er bereits unter Pflegschaft des Jugendamtes stand, entführt und waren mit ihm auf den Weg in den Libanon. Erst an der rumänisch-bulgarischen Grenze wurden sie gestoppt. Der damals 15-Jährige wurde zurück nach Berlin geschickt – wo er jetzt als Kläger vor Gericht stand.

Weil die drei Angeklagten dort nicht erschienen, wurden sie per Strafbefehl zu jeweils 1.350 Euro Geldstrafe verurteilt. Nasser erklärt gegenüber der 'Berliner Zeitung': "Ich habe damit gerechnet, dass meine Onkel und mein Vater nicht zur Verhandlung kommen. Nicht jeder hat die Kraft dazu, hier zu erscheinen." Die Familie hatte allerdings auch nicht viel mehr zu befürchten als Geldstrafen. Zwangsheiraten sind zwar verboten, doch nur sehr schwer nachzuweisen. Meist steht in den Prozessen Aussage gegen Aussage und sie werden eingestellt.

Bedroht, misshandelt und fast zwangsverheiratet

Nasser erklärt, für ihn sei das Kapitel nun abgeschlossen. "Ich habe es zumindest geschafft, diesen Fall vor Gericht zu bekommen", zitiert ihn das Blatt. Vor allem hat er es geschafft, seine Geschichte öffentlich zu machen, und er lebt seine Sexualität frei aus. Ohne Angst, wie er sagt. Doch das ist kaum zu glauben, wenn man mehr über sein Leben nach dem Coming-out erfährt.

Mit 15 Jahren erzählt der Sohn libanesischer Eltern Schulfreunden, schwul zu sein. Es dauert nicht lange bis seine Eltern davon erfahren, berichtet die 'Berliner Zeitung'. Seine Familie bedroht ihn daraufhin, um ihn auf ihren streng-konservativen Weg zurückzuführen. Als das nicht gelingt, geht sie noch weiter.

Doch der Teenager lässt sich nicht verbiegen, spricht bei einer Pressekonferenz vor dem Prozess von einer geplanten Zwangsheirat, der Drohung "ihm ein Messer in den Hals zu rammen" und einem Onkel, der ihn mit Benzin übergoss und drohte ihn anzuzünden. Nasser präsentierte Narben, die er sich nach eigener Aussage zuzog, als er mit kochendem Wasser übergossen wurde. Viele Menschen würden durch diese Schreckenstaten wohl so verängstigt, dass sie sich schweigend verstecken. Doch der schwule 18-Jährige ist einen anderen Weg gegangen - an die Öffentlichkeit, und bis vor Gericht.