Für Onychophagie gibt es keine Altersgrenze

Was hilft gegen Fingernägel kauen?

Fingernägel kauen ist eine unschöne Angewohnheit. Aber es gibt Mittel und Wege, dagegen anzukämpfen.
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27. Januar 2020 - 16:22 Uhr

Fingernägel kauen: Ursachen und Hilfe

Unbewusst wandert der Finger in den Mund. Die Zähne beginnen an den Nägeln zu knabbern - dieses Ritual wiederholen Millionen Menschen tagtäglich und viele leiden darunter. Für Nägelkauen, der medizinische Fachbegriff lautet "Onychophagie", gibt es keine Altersgrenze.

Oft sind nicht nur die Fingernägel selbst betroffen: Manche Nagelbeißer machen auch vor der Nagelhaut nicht Halt oder der Fingernagel wird so weit abgebissen, dass das Nagelbett verletzt wird. Durch die offenen, sensiblen Stellen kann es zudem zu bakteriellen oder viralen Entzündungen kommen. Wie in dem Fall einer Frau aus Großbritannien, in dem das Nägel-Knabbern so extrem wurde, dass es zu einer Not-OP kam.

Aber warum kauen wir eigentlich Fingernägel und was kann man dagegen tun?

Nägelkauen tritt oft bereits in der Kindheit auf

"Nägelkauen tritt sehr häufig in der Kindheit auf und zieht sich durch bis ins Erwachsenenalter", erklärt Prof. Dr. Häßler. Er leitet die Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter in Rostock. Die Spuren des Beißdrangs sieht Häßler bei seinen täglichen Visiten: "Von den stationär Behandelten macht es fast jedes zehnte Kind." Nägelkauen sei zwar nie der einzige Therapiegrund, aber ein häufiges Begleitsymptom.

In den meisten Fällen beginnt diese Verhaltens- und emotionale Störung in der Kindheit. Die häufigsten Gründe für Fingernägel-Kauen sind laut Prof. Dr. Häßler:

  • großer Leistungs- und Entwicklungsdruck
  • negative Erlebnisse wie Elternstreit, Alkoholismus bei Eltern, Schockmomente oder psychische Traumata
  • Langeweile oder Nervosität

Grundsätzlich ist Onychophagie für Klein und Groß eine Form der Stressbewältigung. Es geschieht unbewusst, dient zur Spannungsabfuhr und versetzt die Betroffenen in eine Art Trancezustand. Das ist an sich nicht weiter schlimm. Zum Problem wird es erst, wenn sich das Knabbern zum Dauerzustand entwickelt.

Nägelkauen kann man vollständig abgewöhnen

Wann sollte man sich Sorgen machen und professionelle Hilfe gegen das Fingernägel-Kauen in Anspruch nehmen? Prof. Dr. Häßler unterscheidet drei Phasen:

  • Tritt Nägelkauen nur in geringfügiger Frequenz oder Ausmaß auf, besteht für Sie kein Handlungsbedarf.

  • Tritt es häufiger auf, aber die Person leidet nicht darunter, sollten Sie das Problem offen ansprechen und immer, wenn der Betroffene die Hände zum Mund führt, daran erinnern: "Das ist nicht schön, schau Dir das mal an!" oder "Du kaust jetzt wieder!"

  • Leidet der Betroffene selbst unter seinem Zwang zu Knabbern oder treten weitere Symptome auf (z.B.: Essstörungen, Schlafstörungen, Unlust), sollten Sie sofort professionelle Hilfe hinzuziehen. Helfen kann dann eine Verhaltenstherapie und Ursachenforschung.

Belohnungen führen zum größten Erfolg

Generell ist Fingernägel kauen nur eine Angewohnheit, die man nach Ansicht von Häßler vollständig abgewöhnen kann. "Wenn man rechtzeitig interveniert und konsequent eine gute Beziehung zum Kind hat, kann man das recht schnell beheben.", so  Prof. Dr. Häßler. Trotzdem sei man auch vor Rückfällen als Erwachsener nicht gefeit.

Von Strafen und Abschreckung bei der Bekämpfung dieser lästigen Marotte rät Häßler ab. Nach seiner Ansicht führen Belohnungen zum größten Erfolg.

Hier ein paar Experten-Tipps:

  • Arbeiten Sie über das Belohnungs-System: Wenn über einen bestimmten Zeitraum an einem Nagel nicht gekaut wurde, gibt es ein Eis oder einen Kinobesuch. Denn positives Feedback erleichtert laut  Prof. Dr. Häßler das Einhalten weiterer Ziele.
  • Auch eine tägliche Nagelpflege inklusive Maniküre kann dabei helfen, den Knabber-Impuls zu unterdrücken. Denn wer sich Mühe bei der Nagelpflege gibt, will anschließend das hübsche Endergebnis ungern zerstören.
  • Eine altbewährte Methode ist ein spezieller Nagellack aus bitteren Tinkturen aus der Apotheke, der regelmäßig auf die Nägel gepinselt wird. Die Tinkturen schmecken - wie der Name schon verrät - extrem bitter und ungenießbar. Der Nagelkauer soll so schnell die Lust verlieren, an seinen Nägeln zu knabbern.
  • Verhaltenstherapeuten raten zum sogenannten Habit Reversal Training. Dabei soll sich Betroffene erst einmal bewusst werden, in welchen Situationen sie kauen. Anschließend sollen sie überlegen, wie sie stattdessen auf Stress oder Nervosität reagieren könnten und sich diese Handlungsalternative antrainieren. Zum Beispiel kann man sich auf die Hände setzen oder die Faust ballen. Diese Handlungsalternative soll dann jedes Mal durchgeführt werden, denn der "Knabber-Impuls" entsteht. Auf diese Weise ist es möglich, sich die lästige Gewohnheit Schritt für Schritt abzutrainieren.

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