Experten erklären

Nächtliches Stimmungstief: Warum machen wir nachts eigentlich aus einer Mücke einen Elefanten?

Warum erscheinen uns Sorgen nachts meist viel schlimmer?
Warum erscheinen uns Sorgen nachts meist viel schlimmer?
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03. Oktober 2021 - 13:34 Uhr

Mit der Ruhe kommen die Grübeleien

von Svenja Hoffmann

Nach einem anstrengenden Tag möchte man doch einfach nur entspannen und vor allem schlafen. Wenn das mal immer so einfach wäre! Oft plagen einen nämlich ausgerechnet dann Grübeleien, die einfach kein Ende finden wollen. Dieses Problem, dass einem der Kopf mit endlosen Grübeleien gerne mal einen Strich durch die Entspannungs-Rechnung macht, das kennen viele. Sie nicht auch?

Aber warum ist das eigentlich so? Wieso verfallen wir, wenn wir zur Ruhe kommen, in Grübeleien und machen dann auch noch aus einer Mücke einen Elefanten?

Auch ich habe mir schon häufiger diese Fragen gestellt und mich mit Diplompsychologe und Buchautor Rolf Schmiel sowie Schlafcoach Prof. Günther W. Amann-Jennson über dieses Thema unterhalten. Beide haben mir auf diese Fragen wirklich interessante und vor allem hilfreiche Antworten gegeben.

"Das Gedankenkarussell braucht Raum"

Warum fangen wir erst dann an zu grübeln, wenn wir zur Ruhe kommen?

Es ist nicht verwunderlich, dass erst dann, wenn man es sich nach einem anstrengenden Tag gemütlich macht, das Gedankenkarussell anfängt zu rotieren. Wie die beiden Experten erklären, habe das sogar neurologische Gründe. Ein Mensch könne nämlich immer nur einen Gedanken gleichzeitig denken. Probieren Sie es doch mal aus!

Diplompsychologe Rolf Schmiel bringt diese Tatsache auf den Punkt und sagt: "Das Gedankenkarussell braucht Raum." Und so kommt es, dass man erst dann Platz für Grübeleien hat, wenn alle anderen zuvor dominierenden Gedanken des Tages keinen Raum mehr in unserem Kopf einnehmen.

"Grübeln führt nie zu einer Lösung"

Warum führen Grübeleien oft in eine Endlosschleife?

Zur Ruhe und zum Raum, den unser Gedankenkarussell benötigt, um tätig zu werden, braucht es zusätzlich noch eine weitere Zutat: Zeit. Rolf Schmiel erklärt, das seien die zwei Faktoren, die Voraussetzung dafür sind, dass unser Gedankenkarussell überhaupt aktiv werden kann. Wenn man also Zeit hat und sich seinen Gedanken hingibt, dann verfängt man sich in einer endlos scheinenden Schleife aus Grübeleien und Sorgen.

Aber noch ein weiterer Aspekt führt dazu, dass Grübeleien nicht enden wollen. Wieso, weshalb warum? Damit beginnen oft Grübeleien. Prof. Amann-Jennson, der auf der Website schlafcoaching.com über gesunden Schlaf informiert, hat mir im Interview erklärt, dass man Grübeln von Nachdenken unterscheiden muss. Während man beim Nachdenken lösungsorientiert sei, führe Grübeln hingegen nie zu einer Lösung. Man beschäftigt sich also immer weiter mit einem Gedanken, ohne dabei an ein Ziel zu gelangen. Durch diese Ziellosigkeit entstehe wiederum Frust und Angst. Und auch aus diesem Grund findet diese Grübel-Schleife oft kein Ende.

Gut zu wissen: Auch wenn einen diese abendlichen oder nächtlichen Grübeleien gerne mal an den Rande des Wahnsinns treiben, profitiert man doch von ihnen. Denn am nächsten Morgen, im sogenannten Alphazustand, einem Zustand leichter Entspannung, haben wir häufig kreative Ideen zur Problemlösung, verrät Diplompsychologe und Buchautor Rolf Schmiel.

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"Nachts ist alles viel schlimmer"

Warum machen wir nachts oft aus einer Mücke einen Elefanten?

Auch die Tageszeit hat Einfluss auf uns und unsere Gedanken. Schmiel erklärt nämlich: "Was nachts hinzukommt, ist die frühkindliche Erfahrung, dass nachts eine unheimliche und beängstigende Situation herrscht." Dieses nächtliche Gefühl der Unsicherheit wirke wie eine Verstärkung für unser Gedankenkarussell. Darüber hinaus sind wir Menschen nicht nur gut darin, uns Dinge schön zu denken. Genauso gut seien wir darin, uns etwas mit Hilfe unserer Kreativität schlimmer zu denken. Diese Kreativität kommt nachts eigentlich in Träumen zum Vorschein. Liegt man allerdings wach, übertragen wir sie in unsere Grübeleien.

Neben diesen psychologischen Gründen führen auch hormonelle Gründe dazu, dass wir nachts häufig aus einer Mücke einen Elefanten machen. Zwei Hormone, die in der Nacht nämlich eigentlich unseren guten Schlaf begünstigen sollen, sind zum einen das Cortisol und zum anderen das Melatonin. Schlafcoach Amann-Jennson erklärt, dass das Stresshormon Cortisol, das tagsüber eine positive Auswirkung auf unsere Stimmung habe, zur Nacht hin abnimmt, während das Schlafhormon Melatonin, welches unsere Stimmung negativ beeinflusse, zunimmt.

Gut zu wissen: Haben Sie als Frau sich schon mal mit Ihrem Partner darüber unterhalten, dass Sie vor lauter Grübelei nachts wach liegen? Und hat er dann mit Unverständnis reagiert? Kein Wunder! Prof. Amann-Jennson hat mir nämlich verraten, dass Grübeln Frauensache ist. Frauen grübeln laut dem Experten nämlich eindeutig mehr als Männer.

Welche Tipps haben die Experten, um dem Grübel-Karussell zu entkommen?

Rolf Schmiel betont, dass man immer versuchen sollte, seine Sorgen vor dem Schlafengehen aus dem Kopf zu bekommen. So würde man nächtlichen Grübeleien, die den erholsamen Schlaf stören können, vorbeugen. Und dazu eignen sich zum Beispiel die folgenden Techniken:

  • Die altbewährte Tagebuch-Technik: Wer am Abend seine Sorgen zu Papier bringt, schläft laut dem Experten deutlich besser ein. Denn dadurch befördere man seine Sorgen nicht nur aus dem Kopf heraus. Beim Aufschreiben werde einem außerdem meist klar, dass die Sorgen gar nicht so groß sind, wie sie im Kopf erscheinen.
  • Ein Abendspaziergang mit einem Gesprächspartner: Dabei kann man sich seine Sorgen von der Seele reden. Es sei hilfreicher, ein solches Gespräch im Gehen als im Sitzen zu führen, da man dabei schon einen wortwörtlichen Schritt in Richtung Problemlösung unternimmt.

Wenn man dann aber doch einmal während des Schlafens von Grübeleien unterbrochen wird, hat Amann-Jennson ein paar Tipps parat, wie man wieder in den Schlaf finden kann:

  • Gedanken kommen und wieder gehen lassen: Hierbei sei es wichtig, dass man die Gedanken, die im Kopf vorbeiziehen, nicht bewertet. Sobald man das nämlich macht, so der Schlafcoach, halte man an diesem Gedanken fest und begebe sich in das Gedankenkarussell.
  • Dankbarkeits-Technik: Lassen Sie gedanklich den zurückliegenden Tag Revue passieren und überlegen Sie, wofür Sie dankbar sind. Diese Technik zielt auf Ablenkung ab. Sobald Sie sich nämlich intensiv mit der Frage beschäftigen, wofür Sie an dem Tag dankbar sind, ist kein Raum mehr für Grübeleien.