2018 M12 12 - 22:58 Uhr

Bewegende Anklage gegen Technikkonzerne

Eigentlich sollte der Sohn von Gillian Brockell Ende Januar zur Welt kommen, aber vor zwei Wochen wird der Junge tot geboren. Die Journalistin, die für die "Washington Post" arbeitet, veröffentlicht jetzt eine bewegende Anklage gegen die großen Technikkonzerne. "Warum konntet ihr meine Schwangerschaft erkennen, aber nicht den Tod meines Babys?", schreibt sie in einem Post auf Twitter.

"Ich hätte alles gegeben mein Kind weinen zu hören"

Brockell berichtet, dass sie am Anfang ihre Freude über die Schwangerschaft im Internet verbreitet. Sie postet Bilder unter "#30weeksprgnant", sucht im Netz nach Schwangerschaftskleidung und legt bei Amazon eine "Baby-Wunschliste" an.

All das bereut sie jetzt. Facebook, Twitter, Instagram und andere nutzten diese Daten um personalisierte Werbung an die US-Journalistin auszuspielen. Denn durch ihre Suchanfragen, Posts und Einkaufslisten wussten die Technikunternehmen genau: Gillian Brockell ist schwanger.

Sie hatte schon einen Namen für den Jungen

Für Gillian Brockell ist es bis hierhin in Ordnung. Sie und ihr Mann hatten sogar einen Namen für den Jungen: Sohan Singh Gulshan. Aber dann wird ihr Sohn tot geboren. 

Diesen Umstand erkannten die Algorithmen der großen Technikriesen jedoch nicht. Statt auf die neue Situation einzugehen, werden Brockell zum Beispiel Tipps für die Nachtruhe als Werbung ausgespielt. "Ich hätte dabei alles gegeben, mein Kind nur einmal weinen zu hören", schreibt sie in ihrem emotionalen Post.

Gillian Brockell spricht für tausende Frauen

Es sind schlimme Momente, wenn eine Frau ihr Kind verliert. Als Stillgeburt, wie der Verlust ebenfalls genannt wird, werden aber nicht alle Fehlgeburten bezeichnet. Sondern nur die Geburten, bei denen das Kind mindestens 500 Gramm schwer ist. Fehlgeburten kommen daher noch viel häufiger vor. Tausende Frauen spricht Gillian Brockell daher aus dem Herz. Sie kommentieren und Teilen den Post. Viele Internetnutzer kennen das Problem: Die Werbung ist zwar durch Algorithmen möglichst passend, doch nicht immer trifft die Technik den richtigen Ton.

Brockell fordert Werbepause

Damit die Technikkonzerne zukünftig keine unpassende Werbung anzeigen, fordert Gillian Brockell eine Veränderung. Nutzen Menschen den Begriff Fehl- oder Totgeburt, soll "automatisch eine Werbepause" ausgelöst werden. "Wenn ihr schlau genug seid, um zu realisieren, dass ich schwanger bin, dann seid ihr bestimmt auch klug genug zu wissen, dass mein Kind gestorben ist", schreibt sie.

Ein Anfang ist gemacht: Neben Informatikern, die beim Programmieren auf solche Folgen zukünftig achten wollen, meldete sich auch das soziale Netzwerk Facebook. "Dein Verlust tut mir so leid", schreibt Rod Goldmann, bei Facebook für das Anzeigensystem zuständig. "Unsere Systeme brauchen noch immer viel Verbesserung, aber sei dir sicher: Wir arbeiten dran."

Für Gillian Brockell, ihren Mann und den toten Sohn Sohan kommen diese Versprechen zu spät. Aber Gillian Brockell hat auf jeden Fall eine Diskussion gestartet und hoffentlich mehr Herz in die Algorithmen gebracht.