28. Januar 2019 - 10:31 Uhr

Viele offene Fragen zu Julens Bergung

Der kleine Julen ist am Sonntag beigesetzt worden. Sein Tod hat Entsetzen und Empörung bei vielen Menschen ausgelöst. Jetzt, wo die dramatische Bergung beendet ist und Julen seine letzte Ruhe gefunden hat, verlangt die Öffentlichkeit Antworten. Vor allem wollen die Spanier wissen, wer die Verantwortung für den Tod des kleinen Jungen trägt. Ein Ermittlungsgericht in Málaga soll nun Licht ins Dunkeln bringen.

Julen wurde am Sonntag beigesetzt

Unter großer Anteilnahme von Angehörigen, Freunden und Mitgliedern des Rettungsteams ist der kleine Julen am Sonntagnachmittag auf einem Friedhof in Málaga beerdigt worden, neben seinem Bruder Oliver, der 2017 im Alter von drei Jahren an Herzversagen starb.

Julens Leiche war am Samstag in einem Brunnenloch in 71 Metern Tiefe gefunden worden, in das er knapp 13 Tage zuvor gestürzt war. Laut spanischen Behörden fiel er "im freien Fall" und starb schließlich an einem Schädel-Hirn-Trauma. 

Die dramatische Rettungsaktion hatte viele Menschen über die Grenzen Spaniens hinaus in Atem gehalten. Auch, weil bis zum Schluss nicht klar war, ob er noch lebt oder überhaupt in den Brunnen gefallen war. Aber jetzt, wo traurige Gewissheit herrscht, müssen viele Fragen geklärt werden.

Sollen Spuren verwischt werden?

Rechtsanwälte haben am Gericht in Malaga einen Antrag gestellt, wie RTL-Reporterin Pia Schrörs berichtet. Zunächst wollen die Anwälte verhindern, dass die Spuren der Rettungsarbeiten am Unglücksschacht in Totalan beseitigt werden. Die Helfer haben unmittelbar nach der Bergung des Jungen mit den Aufräumarbeiten begonnen und schweres Gerät abgezogen.

Die Anwälte fordern, dass die Guardia Civil eine unabhängige Untersuchung einleitet. So soll auch geklärt werden, wer für die enormen Kosten aufkommt, die durch die zahlreichen Verzögerungen des Rettungsteam verursacht wurden. Dabei geht es um die Verantwortlichkeit für die Fehlplanungen und Fehlkalkulationen, die unabhängige Architekten den Organisatoren vorwerfen.

Wo kommt das Bohrloch überhaupt her?

In erster Linie wollen die Ermittler in Málaga aber wissen, wer für den Tod des Zweijährigen verantwortlich ist. Um das feststellen zu können, wollen die Ermittler zunächst klären, wieso es überhaupt ein offenes Bohrloch auf dem Berggrundstück in der Gemeinde Totalán gab.

Der Brunnenbohrer, der dort im Auftrag des Grundstücksbesitzers im Dezember erfolglos nach Wasser gegraben hatte, versichert, das Loch nach getaner Arbeit anschließend mit einem schweren Stein verschlossen zu haben. Sein Auftraggeber, ein Verwandter der Eltern Julens, bestreitet das: Das Loch sei nur notdürftig abgedeckt worden.

So oder so ist auf dem Grundstück nach der Bohrung des Brunnens weiter gearbeitet worden. Offenbar sollten dort Fundamente für eine Mauer gelegt werden. Währenddessen könnte das Bohrloch aufgedeckt worden sein.

Das Bohrloch wurde illegal ausgehoben

Nach Angaben der andalusischen Regionalregierung gab es weder für das Brunnenloch noch für den Mauerbau eine Genehmigung. Grundsätzlich hätte auf dem Grundstück nichts gebaut werden dürfen. In vielen ländlichen Gegenden Spaniens schauen die Anwohner darüber hinweg und bohren und bauen auch ohne Genehmigung. Die Behörden sehen oft tatenlos zu.

Vor allem die illegale Wasserentnahme aus über Hunderttausenden wilden Brunnen ist ein ernsthaftes, schon lange bekanntes Problem in Spanien. Julens Tod könnte die Verantwortlichen aufrütteln, sich den Brunnenbohrern und ihren Auftraggebern endlich ernsthaft entgegenzustellen.

Wie konnte Julen plötzlich spurlos verschwinden?

Julen ist nicht das einzige Kind, das in Spanien in einen Brunnen oder in ein anderes tiefes Loch gefallen ist, berichtet die spanische Zeitung "El Pais". Doch niemals zuvor sei ein Fall so geheimnisvoll gewesen, wie bei Julen. Nach einigen Tagen habe man wenigstens gewusst, ob das Kind lebt oder nicht. Bei Julen wusste man bis zuletzt gar nichts.

Dabei wurde bereits wenige Tage nach dem Sturz eine Kamera in das Loch heruntergelassen. Nach 71 Metern stießen sie Retter aber nur auf Sand und Gestein. Das gibt den Fachleuten immer noch Rätsel auf. Eine Erklärung wäre: Das Material hat sich beim Herabfallen des Kindes abgelöst und ihn bedeckt. Doch diese These lässt viele Geologen zweifeln, weil das Material abgesaugt werden können sollte. Das hat man auch zu Beginn der Rettungsarbeiten versucht. Die Helfer kamen aber nicht sehr weit, weil der Verschluss zu fest war.

In dem abgesaugten Material wurde schließlich ein Haar von Julen gefunden, was in den ersten Tagen ein Hinweis darauf war, dass der Junge wirklich dort drinnen steckt. Doch eine allgemein überzeugende Erklärung, wie sich Sand und Gestein in so kurzer Zeit derart verdichteten, dass man von oben nicht zu Julen vorstoßen konnte, fehlt noch.