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Nach Melamin-Skandal in China: Das Geschäft mit der Angst der Eltern

Nach Melamin-Skandal in China: Das Geschäft mit der Angst der Eltern

RTL-Reporterin Pia Schrörs berichtet aus China

Fast 70 Prozent aller Mütter in China stillen nicht, sondern geben ihren Babys von Geburt an Fertigmilch. Der Konsum wächst um rund zehn Prozent pro Jahr, doch nach dem Skandal um vergiftetes Milchpulver ist das Vertrauen der Chinesen in heimische Marken tief erschüttert. Wer es sich leisten kann, füttert sein Kind mit ausländischem Milchpulver - am liebsten aus Deutschland. RTL-Reporterin Pia Schrörs berichtet über das Geschäft mit der Angst der Eltern.

Melamin ist ein industrielles Bindemittel, mit dem minderwertige Milch künstlich aufgebessert werden kann.
Kurz nach den Olympischen Sommerspielen kam heraus, dass Produzenten die verbotene Chemikalie Melamin unter Milchpulver gemischt hatten.
picture alliance / dpa, Weng Lei

Was Kong Guoji und Zhu Keying seit nunmehr sieben Jahren erleben, steht beispielhaft für den Umgang der chinesischen Regierung mit Menschen, die in die Mühlen von Korruption und Skrupellosigkeit geraten. Die heute Neun- und Zehnjährigen sind Opfer des Milchpulver-Skandals 2008, leiden bis heute an Wasser- und Sandablagerungen in den Nieren. "Wenn wir im Krankenhaus erwähnen, dass unsere Kinder Opfer des Melamin-Skandals sind, verweigern die Ärzte die Untersuchung oder geben vor, nichts in der Niere zu sehen", erzählt ihr Vater, Zhu Kening. "Verschweigen wir die Info, finden sie die Substanzen."

Aus Profitgier hatten diverse staatliche Unternehmen Milchpulver mit der giftigen Chemikalie Melamin versetzt, um den Proteingehalt zu erhöhen. Nach offiziellen Angaben starben sechs Kinder, 300.000 erkrankten an Nierensteinen. Bis heute versucht die Regierung, den Skandal aus den Köpfen der Öffentlichkeit zu verbannen, um das Image der lukrativen Branche aufzupolieren. Doch der größte Teil der Tragödie steht China womöglich noch bevor, erfahren wir von einem Vater. "Mir hat ein befreundeter Arzt gesagt, ich solle besser ein zweites Kind machen", sagt Yao Shaofeng. "Er glaubt, dass die Niere meines Sohnes in vier bis fünf Jahren absterben wird. Das gleiche gelte für die vielen anderen kranken Kinder. Wo soll man auch so viele Nieren für eine Transplantation auftreiben? Sie werden sterben."

"Ich möchte meinem Kind genau das gleiche Milchpulver geben, mit dem die Deutschen ihre Kinder füttern", sagt Gong Tingjue, selbst Mutter. "Ich traue chinesischen Produkten nicht und noch nicht einmal deutschen Marken, die für China produziert wurden." Und genau wegen diesen Ängsten blüht der Schmuggel mit deutschem Milchpulver. "Ke Ying besitzt drei kleine Kinderläden in Shanghai. Jeden Monat schmuggelt sie rund 800 Packungen Aptamil und Hipp nach China", berichtet RTL-Reporterin Pia Schrörs.

Einer von Ke Yings Lieferanten ist Lu Yi. Seit 13 Jahren kauft er in deutschen Drogerie- und Supermärkten Milchpulver ein. "Erst habe ich Milchpulver für Familie und Freunde eingekauft und nach China geschickt, dann sollte ich für Freunde unserer Verwandten und Freunde einkaufen", so der Geschäftsmann. "Heute kaufe ich Milchpulver für chinesische Händler ein. Es gibt etliche Chinesen, die das auch machen."

Aufgrund der gewaltigen Nachfrage darf man in deutschen Drogerien teils nur noch drei Packungen auf einmal kaufen. "Deswegen kaufe ich zunehmend bei der Metro ein, da habe ich gute Kontakte und die rufen mich an, wenn sie neue Paletten Aptamil geliefert bekommen", erzählt Lu Yi. Das Milchpulver, das er für keine 15 Euro in Deutschland einkauft, reißen die Kunden Ke Ying für umgerechnet 40 Euro pro Packung buchstäblich aus den Händen. So groß ist die Angst.