Nach israelischen Angriffen: Angst vor syrischer Vergeltung wächst

31. Mai 2013 - 12:13 Uhr

Israel in Alarmbereitschaft

Nach den israelischen Luftangriffen in Syrien wächst die Angst vor einer Ausweitung des seit zwei Jahren tobenden Bürgerkrieges zu einem regionalen Flächenbrand. Israel erhöhte aus Sorge vor einer Reaktion die Alarmbereitschaft. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief alle Seiten zu höchstmöglicher Ruhe und Zurückhaltung auf. Zudem gerät US-Präsident Barack Obama zusehends unter Druck, nicht mehr tatenlos zuzusehen. Die von ihm selbst gezogene "rote Linie" ist durch neuerliche Hinweise auf einen Einsatz von Giftgasen syrischer Rebellen offenbar erneut überschritten worden.

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Das Ausmaß der Verwüstung nach den Angriffen nahe Damaskus.
© REUTERS, SANA

Nachdem israelische Kampfjets in der Nacht zum Sonntag laut Medienberichten ein militärisches Entwicklungszentrum nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus angegriffen haben, erhöht das Land aus Sorge für eine Reaktion auf den bisher nicht offiziell bestätigten Angriff die Alarmbereitschaft. Die Armeeeinheiten entlang der Grenze seien zu größter Wachsamkeit aufgerufen, meldete der israelische Rundfunk. Der Luftraum im Norden Israels ist bis Donnerstag für zivile Flugzeuge gesperrt. Zwei Batterien des Luftabwehrsystems Iron Dome (Eisenkuppel) wurden im nördlichen Landesteil in Position gebracht.

Syrien hatte den Angriff, bei dem laut der Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter 42 Soldaten getötet wurden, als israelische Kriegserklärung bezeichnet und mit Vergeltung gedroht. Israelische Militärs rechnen jedoch dem Rundfunk zufolge nicht mit einem syrischen Gegenangriff, weil das Regime von Baschar al-Assad zu sehr mit dem eigenen Überleben beschäftigt sei. Dennoch stelle sich die Armee auf eine mögliche Reaktion der libanesischen Hisbollah und sogar des Irans ein. Der Angriff galt nach Medienberichten einer Lieferung iranischer Raketen des Typs Fateh-110 an die mit Israel verfeindete Hisbollah. Gegenwärtig befürchte man vor allem mögliche Anschläge auf israelische Vertretungen im Ausland.

Das syrische Fernsehen berichtete, Damaskus habe es palästinensischen Gruppierungen erlaubt, Israel von den Golanhöhen aus anzugreifen. Israel hatte das Gebiet 1967 während des Sechstagekriegs erobert. Die Grenze wurde von der syrischen Armee streng überwacht und galt in Israel bislang als relativ sicher.

Syrische Rebellen könnten Giftgas eingesetzt haben

Indes reagierte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon besorgt auf Berichte über israelische Luftangriffe auf Ziele in Syrien. "Die Vereinten Nationen kennen keine Einzelheiten der berichteten Ereignisse und können auch nicht unabhängig überprüfen, was passiert ist", sagte Ban. Dennoch rief er alle Seiten zu höchstmöglicher Ruhe und Zurückhaltung auf, um eine weitere Eskalation zu verhindern.

Zudem haben die Vereinten Nationen Hinweise, dass die syrischen Rebellen Giftgas eingesetzt haben. "Nach den Aussagen, die wir gesammelt haben, haben die Rebellen Chemiewaffen eingesetzt und auf das Gas Sarin zurückgegriffen", sagte Carla del Ponte, Mitglied der UN-Kommission zur Untersuchung von Kriegsverbrechen in Syrien. "Die Ermittlungen sind noch lange nicht abgeschlossen", fügte die frühere Chefanklägerin der UN-Gerichte für Ex-Jugoslawien und Ruanda im Schweizer Fernsehsender RSI hinzu.

"Unsere Ermittlungen müssen durch neue Zeugenaussagen weiter vertieft, verifiziert werden", sagte del Ponte. "Doch soweit wir das feststellen konnten, haben bisher nur die Widersacher des Regimes das Gas Sarin eingesetzt." Ob auch das Regime zu Giftgas greife, müssten weitere Ermittlungen ergeben.

Die USA reagierten sehr skeptisch auf Berichte über einen möglichen Chemiewaffeneinsatz von Rebellen. "Wir halten es für sehr wahrscheinlich, dass jedwede Nutzung von Chemiewaffen in Syrien vom Assad-Regime ausging", sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney. Die unabhängige Syrien-Kommission der Vereinten Nationen relativierte die Aussagen del Pontes ebenfalls.

Rebellen und syrische Regierung werfen sich gegenseitig den Einsatz von Giftgas vor. US-Präsident Barack Obama hatte den Einsatz chemischer Waffen durch die syrischen Streitkräfte als "rote Linie" bezeichnet, bei deren Überschreitung eine Intervention möglich sei. Russland warnte den Westen dagegen vor der schleichenden Vorbereitung eines militärischen Eingreifens. Das Risiko einer Ausweitung der Spannungen sei alarmierend, erklärte das Außenministerium in Moskau. Auch China kritisierte, die staatliche Souveränität Syriens müsse gewahrt bleiben. Wie die USA betonte dagegen auch ein Sprecher der Bundesregierung, Israel habe das Recht auf Selbstverteidigung.

Derweil gehen die Konfliktgegner in Syrien nach Angaben des Internationalen Komitees von Roten Kreuz (IKRK) immer grausamer vor und kümmern sich kaum noch um Verletzte und Tote. Für humanitäre Helfer werde es zugleich immer gefährlicher, Opfer medizinisch zu versorgen oder Leichen zu bergen, beklagte das IKRK.