Herdenimmunität-Plan von Premier Johnson scheitert

Experten warnen: Großbritannien könnte bei Corona-Impfung das Nachsehen haben

Coronavirus: Vermasselt der Brexit Großbritanniens Impfchancen?
© Getty Images/iStockphoto, mammuth

17. März 2020 - 11:11 Uhr

Möglichst viele sollten infiziert werden

Viele Länder schotten sich ab und verhängen Ausgangssperren, um die rasant wachsenden Zahlen der mit dem Coronavirus Infizierten zu verringern. Großbritannien ist da - zumindest bis heute - einen anderen Kurs gefahren: Premierminister Boris Johnson setzte auf Herdenimmunität. Möglichst viele junge und gesunde Menschen sollten infiziert werden und Antikörper gegen das Virus entwickeln, so wollte er die Verbreitung langsam stoppen - ohne Erfolg: inzwischen gibt es 1.543 bestätigte Fälle, das sind 171 mehr als noch vor 24 Stunden.

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10.000 Krankenschwestern fehlen jetzt schon

Besonders problematisch: Das britische Gesundheitssystem NHS ist sowieso schon überlastet, es gibt längst nicht genügend Personal. Laut einer Studie sagen sechs von zehn Krankenschwestern, dass sie so viel zu tun haben, dass sie nicht das Level an Pflege einhalten können, das sie gerne würden. Oft werden deswegen auch Krankenschwestern, die noch in der Ausbildung sind zur Unterstützung geholt. Schuld an der Personalknappheit ist laut neuester Zahlen der Brexit. Inzwischen bewerben sich nicht mal mehr halb so viele Krankenschwestern aus anderen EU-Ländern in Großbritannien, wie noch vor dem Referendum 2016. Waren es vorher 6.000 Bewerber pro Jahr, sind es inzwischen nur noch 2.328. Dadurch fehlen der NHS um die 10.000 Krankenschwestern, heißt es.

Schattengesundheitsminister Justin Madders dazu: "Diese Zahlen sind erschütternd. Die NHS hat bereits einen massiven Mangel an Krankenschwestern. Dieser Mangel wirkt sich weiterhin auf die Patientenversorgung aus, mit längeren Wartezeiten und abgesagten Operationen." Besonders in Zeiten des Coronavirus kann das Leben kosten.

Gefängnis für Quarantäne-Verweigerer?

Und das ist noch nicht alles: Experten warnen davor, dass Großbritannien im Zweifel länger auf einen möglichen Corona-Impfstoff wird warten müssen, da die Briten nicht mehr Teil der EU sind. Noch läuft die Übergangsphase des Brexits, doch wenn die vorbei ist am 31. Dezember diesen Jahres, wird sich Großbritannien möglicherweise mit anderen Nicht-EU-Staaten hinten anstellen müssen, wenn es darum geht, den Impfstoff zu bekommen. Und nicht nur das: "Wenn ein Coronavirus-Impfstoff entwickelt wird, können sich die EU-Länder zusammenschließen, um den Impfstoff gemeinsam zu beschaffen. Dies würde den EU-Ländern mehr Verhandlungsmacht gegenüber einem Impfstoffhersteller geben, um einen niedrigeren Preis zu erzielen. Wenn das Vereinigte Königreich von einer solchen gemeinsamen Beschaffung ausgeschlossen würde, wäre es möglich, dass das Vereinigte Königreich am Ende einen höheren Preis als die EU für denselben Impfstoff zahlen würde", so Olivier Wouters von der London School of Economics and Political Science zum "Guardian".

Diese Woche will die britische Regierung ein Gesetz verabschieden, das Corona-Infizierte, die sich nicht an die Quaratäne-Vorschriften halten mit 1.000 Pfund oder sogar Zeit im Gefängnis bestraft. Boris Johnson macht also die 180 Grad Wende: jetzt sollen alle Briten doch soziale Kontakte meiden, nicht mehr reisen und Menschen, bei denen das Risiko am Coronavirus zu sterben sehr hoch ist, sollen sich für insgesamt zwölf Wochen in Quarantäne begeben.

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