Nach apokalyptischer Explosion in Beirut

„Respektlos“: Touristen nutzen Trümmer-Kulisse für Fotoshooting

Frau posiert vor dem Trümmerfeld nach der Explosion in Beirut.
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10. August 2020 - 20:52 Uhr

Instagram-User nach Fotos heftig attackiert

Nur wenige Tage nach der katastrophalen Explosion in der libanesischen Hauptstadt Beirut mit mindestens 160 Toten und mehr als 6.000 Verletzten spielen sich rücksichtslose Szenen am Hafen ab. Auf einer Brücke, von wo aus das ganze Trümmerfeld zu sehen ist, versammeln sich Hunderte um Schnappschüsse für Instagram und Co. zu machen. Es hagelte heftige Kritik.

Menschen zeigen sich bestürzt über "respektlose" Aktion

Während die Menschen in Beirut um ihre toten Familienangehörigen, Freunde und Bekannten trauern, Tausende wütend auf den Straßen demonstrieren, nutzen einige die zerstörte Kulisse am Hafen für Selfies. Mehrere solche Bilder sind bereits in den sozialen Medien aufgetaucht. Einige wurden wieder gelöscht, nachdem die User in den Kommentaren heftig attackiert worden sind, schreibt das britische Nachrichtenportal "The Sun". "Respektlos! Beirut ist derzeit kein Ort, um schöne Bilder zu machen", mahnt ein Nutzer auf Instagram. Ein anderer schreibt: "Geht nach Beirut um zu helfen, nicht um schicke Fotos zu knipsen."

Aufgebrachte Menschen in Beirut

Unterdessen entlädt sich die Wut bei den Protesten in der libanesischen Hauptstadt in Gewalt, vor allem gegen die Politiker des Landes. Aufgebrachte Menschen beschimpften Regierungsvertreter als "Mörder" und "Terroristen". Justizministerin Marie-Claude Nadsch musste sich mit Wasser bespritzen lassen. Dem Gouverneur von Beirut hielten Demonstranten einen Galgen entgegen. Als am Wochenende das Außenministerium gestürmt wurde, zertrümmerte die Menge ein Bild des alternden Staatschefs Michel Aoun.

Die Mächtigen haben dieser Wut wenig entgegenzusetzen. Ihre Versuche, die angespannte Lage mit altbekannten rhetorischen Floskeln zu beruhigen, schlugen fehl. Zu gewaltig ist das Misstrauen vieler Libanesen gegenüber der politischen Elite, der sie seit langem Korruption, Misswirtschaft und Selbstbereicherung vorwerfen. Nach der Explosion fühlen sich die Opfer im Stich gelassen.

Libanesische Regierung tritt geschlossen zurück

Nach der verheerenden Explosion war der Druck auf Regierungschef Hassan Diab und sein Kabinett schließlich so groß, dass nur noch ein Ausweg blieb: der geschlossene Rücktritt. Am Montagabend machte der Ministerpräsident in einer Fernsehansprache offiziell, was jetzt ohnehin alle erwartet hatten.

Diab wollte jedoch nicht abtreten, ohne der politischen Elite des Mittelmeerlandes noch einmal die Leviten zu lesen. Er geißelte die "chronische Korruption" in Politik und Verwaltung, die er für den Absturz des Landes und auch für die schwere Detonation verantwortlich machte. "Das System der Korruption ist größer als der Staat", sagte Diab. "Es gibt welche, die die Fakten fälschen, vom Aufruhr leben und mit dem Blut der Menschen handeln."