Hauptstadt Beirut nach Explosion in Trümmern

Libanesen fühlen sich von der Regierung alleine gelassen

06. August 2020 - 20:19 Uhr

Kritiker sehen Fahrlässigkeit als Ursache

Wie konnte es zu der verheerenden Explosion in Libanons Hauptstadt mit mehr als 130 Toten und Tausenden Verletzten kommen? Eine Untersuchungskommission soll in wenigen Tagen erste Ergebnisse vorlegen. Kritiker sehen Fahrlässigkeit als Ursache – viele Libanesen geben der Regierung die Schuld. Warum sie sich so allein gelassen fühlen, berichten zwei Menschen aus der Hauptstadt Beirut im Video.

Menschen toben auf der Straße: "Ihr seid alles Mörder“

In Beirut sind die Menschen wütend, viele stehen vor dem Nichts. Bei einer Tour durch eine zerstörte Gegend im Zentrum von Beirut wurde Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron von wütenden Anwohnern empfangen. "Warum sind Sie gekommen?", riefen einige von Balkons herunter. "Ihr seid alles Mörder", schrie eine Frau unter Tränen. "Wo waren Sie gestern? Wo waren Sie am Vortag? Wo waren Sie, als diese Bomben im Hafen gelagert wurden?" Andere beschimpften den libanesischen Präsidenten Michel Aoun als "Terrorist". Wütenden Libanesen versprach Macron auf der Straße, am 1. September wiederzukommen. Außerdem kündigte er eine baldige internationale Hilfskonferenz an. Die Hilfe an Ort und Stelle solle von den Vereinten Nationen (UN) und der Weltbank koordiniert werden, sagte er am Donnerstag vor Journalisten in der libanesischen Hauptstadt.

Welle der Hilfsbereitschaft aus aller Welt

Die Katastrophe löste weltweit eine Welle der Hilfsbereitschaft aus - so schickten mehrere Länder Rettungsmannschaften mit Spürhunden und Experten für die Bergung von Verschütteten. Am Mittwochabend traf eine Maschine mit Hilfsgütern aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ein. Dem Land fehlen unter anderem medizinische Güter. 

Ursache der Detonation in Beirut bislang noch unklar

Lebanese inspect the damage of a massive explosion in Lebanon s capital Beirut, on Wednesday, on August 5, 2020. Rescuers worked through the night after two enormous explosions ripped through Beirut s port on August 4th, killing at least 100 people a
Die heftige Explosion hatte am Dienstag große Teile des Hafens zerstört, der für die Versorgung des Landes zentral ist.
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Die Untersuchungskommission soll innerhalb von fünf Tagen einen Bericht vorlegen, teilte die libanesische Regierung mit. Die Ursache der Detonation ist bislang noch unklar. Sie steht möglicherweise in Verbindung mit großen Mengen Ammoniumnitrat, die jahrelang im Hafen ohne Sicherheitsvorkehrungen gelagert worden sein sollen.

Kritiker prangern Fahrlässigkeit an und sehen auch ein Versagen der politischen Führung des Landes. Die Chemikalie wird vor allem als Düngemittel verwendet. Sie führte schon mehrmals zu tödlichen Explosionen und wurde auch bei Anschlägen eingesetzt.

Die heftige Explosion hatte am Dienstag große Teile des Hafens zerstört, der für die Versorgung des Landes zentral ist. Beobachter warnen, die Versorgungskrise in dem Land könnte sich weiter verschärfen, da es stark von Importen abhängig ist. Die Detonation zerstörte auch Getreidesilos im Hafen. Auch die umliegenden Wohngebiete wurden stark beschädigt.

Nach Angaben von Gesundheitsminister Hassan Hamad kamen mindestens 135 Menschen ums Leben, etwa 5.000 weitere wurden verletzt. Unter den Trümmern werden weitere Vermisste vermutet.

Augenzeugin berichtet exklusiv von der Katastrophe:

Bürgerkriegsland Syrien stark betroffen

Der Libanon leidet seit Monaten ohnehin schon an einer schweren Wirtschaftskrise, die große Teile der Bevölkerung in die Armut getrieben hat. Präsident Aoun bat deshalb die internationale Gemeinschaft um schnelle Hilfe für sein Land.

Die großen Schäden am Beiruter Hafen könnten sich nach UN-Angaben auch auf die Lage vieler Menschen im benachbarten Bürgerkriegsland Syrien auswirken. Der Hafen werde zum Umschlag von humanitären Hilfsgütern für das Bürgerkriegsgebiet genutzt, sagte ein Sprecher am Mittwoch in New York. "Dies wird unsere Fähigkeit zur Unterstützung in Syrien beeinträchtigen."