RTL News>News>

Nach 64 Jahren: Münchnerin (76) & behinderte Tochter werden aus Wohnung geklagt

Kündigung wegen Eigenbedarf - nach 64 Jahren

Münchner Frau (76) und behinderte Tochter aus ihrer Wohnung geklagt

Jara (links) und Nina Sagebiel in ihrer Wohnung in Schwabing.
Jara (links) und Nina Sagebiel in ihrer Wohnung in Schwabing.
Facebook / Michel May, Facebook

Sohn der Besitzerin soll die Wohnung bekommen

Seit 64 Jahren lebt Jaroslava Sagebiel in einer Wohnung in Schwabing. Früher mit ihren Eltern, eine Zeitlang mit ihrer Mutter, seit 1974 mit ihrer Tochter Nina. „Ninchen“, wie sie sie nennt, ist behindert. Jetzt müssen sie aus der Wohnung ausziehen – Eigenbedarf der Besitzerin. Ein Schock für die beiden Frauen, denen eine ungewisse Zukunft bevorsteht. Mitfühlende Menschen aus Schwabing wollen helfen. Ein Nachbar hat ein bewegendes Video ins Netz gestellt , um auf das Schicksal der Sagebiels aufmerksam zu machen.

Wenn Geld mehr als Menschlichkeit zählt

Jara Sagebiel
Jara Sagebiel
Facebook / Michel May, Facebook

Die Geschichte der beiden ist Spiegelbild einer gesellschaftlichen Entwicklung, die in vielen Großstädten zu beobachten ist. Geld zählt oft mehr als Menschlichkeit, wer nicht genug hat, muss sehen, wo er bleibt.

Jaroslava, die alle Welt nur „Jara“ nennt, ist ein Stück Schwabinger Geschichte. Ihre Augen leuchten, wenn sie von den „wilden Jahren“ erzählt, die den Ruf des Stadtteils als cooles Künstlerviertel mitprägten. Verrückte Partys, aber auch Krawalle, die Studentenrevolte. Jara hat vieles gesehen, mitgemacht. „Ich bin froh, dass ich so alt bin, dass ich das schöne, alte Schwabing erlebt habe“, schwärmt sie.

Jara kümmerte sich um ihre pflegebedürftige Mutter und heute um ihre Tochter

Ein Foto von Mutter und Tochter aus Ninas Kindertagen
Ein Foto von Mutter und Tochter aus Ninas Kindertagen
Facebook / Michel May, Facebook

Schwabing ist ihr Leben, die Wohnung, in der sie lebt, ein Teil davon. Früher lebte sie mit den Eltern dort, ehe der Vater die Familie verließ und nach Kanada verschwand. Lange lebte sie dort mit ihrer Mutter, später mit ihrer Tochter Nina. Jara hat es nicht leicht. Die Mutter erkrankt an Krebs, muss gepflegt werden. Tochter Nina ist behindert, braucht viel Zeit und Zuwendung.

Die bekommt sie von ihrer Mutter, die sagt: „Wenn man andere Behinderte sieht, ist man froh, dass sie laufen kann, dass sie Skifahren gelernt hat.“ Noch heute komme ihre Nina jeden Berg „im Pflug“ hinunter, sagt Jara stolz.

Anzeige:

Empfehlungen unserer Partner

Richterin: „Eigentum geht vor“

Michel May
Michel May, guter Nachbar und Betreiber des Bio-Bettwäsche-Startups aizomebedding.de

Die Wohnung ist ihre Burg, liebevoll und persönlich eingerichtet. Ein Museum ihres Lebens. Nun soll sie daraus vertrieben werden. Nach dem Tod des Vermieters erbte dessen in der Schweiz lebende Tochter die Wohnung, sie klagt wegen Eigenbedarfs, damit ihr Sohn während seines Studiums dort wohnen kann. Juristische Hilfe hat Jara nicht zu erwarten, das Urteil ist gesprochen. „Eigentum geht vor“, habe die Richterin gesagt.

Viele Menschen bewegt das Schicksal von Jara und ihrer Tochter, ihnen ist nicht gleichgültig, was aus den beiden Frauen wird. Einer davon ist Nachbar Michael May, der das schöne Video ins Netz gestellt hat und hofft, helfen zu können.

„Vielleicht noch ein halbes Jahr Aufschub“

Jara (links) und Nina Sagebiel.
Jara (links) und Nina Sagebiel.
Facebook / Michel May, Facebook

Zum einen appelliert er an potentielle Vermieter, sich unter der Mailadresse schwabingsucht@gmail.com zu melden, falls sie eine schöne und bezahlbare Wohnung für Jara und Nina anbieten zu können. In Schwabing soll es sein, denn die beiden Frauen sind dort tief verwurzelt.

Außerdem hofft May auf ein wenig Gnade seitens der Wohnungseigentümerin: „Vielleicht noch ein halbes Jahr Aufschub, damit die beiden etwas mehr Zeit haben, etwas Neues zu finden“, sagt er. Denn der Münchner Wohnungsmarkt gehört zu den schwierigsten in Deutschland. Das Angebot ist klein, die Nachfrage groß. Wenn sich keine neue Bleibe findet, stehen Jara und Nina Ende Oktober vor einer ungewissen Zukunft.