Mutter spricht über Pflegenotstand in deutschen Krankenhäusern

"Die Kliniken hatten einfach keine Kapazitäten mehr"

07. Februar 2020 - 17:25 Uhr

Wird unser Gesundheitssystem jetzt den Kleinsten zum Verhängnis?

Ein Vorfall in der Berliner Charité hat viele Menschen erschüttert: Das Krankenhaus soll ein an Leukämie erkranktes Kind abgewiesen haben - der Grund offenbar Personal- und Bettenmangel. Das Kleinkind sei kurz darauf verstorben. Die Charité wies die Vorwürfe am Freitag zurück. Wir fragen uns: Was ist los in deutschen Krankenhäusern? Im Video spricht Lisa Zattler. Ihre chronisch kranke Tochter konnte trotz eines Notfalls stundenlang nicht behandelt werden.

Arzt: "Bei uns auf Station hatten wir leider keine freien Betten"

07.02.2020, Berlin: Außenansicht der Charite. (zu «Charite zu Bericht über Todesfall: Offen für Prüfung, Vorwurf falsch») Foto: Paul Zinken/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Das Krankenhaus wies die erhobenen Anschuldigungen einiger Medien deutlich zurück.
© dpa, Paul Zinken, soe wst

In einem Beitrag des ARD-Magazins "Kontraste" über den Personalmangel am Kinderkrebszentrum der Charité war am Donnerstagabend anonymisiert ein Kinderarzt zu Wort gekommen. "Bei uns auf Station hatten wir leider keine freien Betten und auch sonst im Haus war trotz intensiver Bemühungen kein Bett zu finden", wurde er zitiert. Über Nacht habe sich der Zustand des Kindes verschlechtert, schon am nächsten Tag starb es. Schnell steht die Charité am Pranger.

Das Krankenhaus wies die erhobenen Anschuldigungen einiger Medien deutlich zurück. "In der aktuellen Berichterstattung wird der schwerwiegende Vorwurf erhoben, dass ein Kind verstorben sei, weil die Charité die Übernahme abgelehnt habe", teilte die Charité am Freitag mit. "Nach sorgfältiger interner Prüfung, die bis heute Morgen (Anm.: Freitag) angedauert hat, stellen wir fest, dass dieser Vorwurf nach allen uns vorliegenden Informationen falsch ist." Die Charité sei jederzeit bereit, den Fall durch unabhängige Gutachter überprüfen zu lassen.

Derzeit liege noch keine Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht vor. Daher könne man sich aktuell nicht weiter äußern.

Die Kliniken hatten keine Kapazitäten mehr

Tatsächlich konnte die Klinik im vergangenen Jahr fast 900 Kinder nicht stationär aufnehmen. So wie unzählige Kliniken in ganz Deutschland, wie ein Fall aus München zeigt. Lisa Zattlers Tochter Frieda bekommt plötzlich Atemnot. Die Kinderärztin entscheidet: Ab ins Krankenhaus, Intensivstation. Vor Ort in einer Münchner Klinik dann die schreckliche Nachricht: Es gibt keinen Platz für das chronisch kranke Kind. "Man hat halt gesehen, der Frieda geht's immer schlechter, das Fieber steigt immer mehr", erzählt die Mutter im Video. "Die Kliniken haben alles gegeben, sie haben uns super betreut, sie hatten einfach keine Kapazitäten mehr."

Acht Stunden lang mussten Friedas Eltern warten. Erst dann brachte ein Rettungswagen die Kleine ins achtzig Kilometer entfernte Augsburg. Zum Glück konnte ihr dort geholfen werden.

Charité verhängte im Dezember ein Aufnahmestopp

Auch die Kinderklinik in Neuss kennt das Problem. "Für uns ist es wie für alle Krankenhäuser schwierig, ausreichend Kinder-Krankenschwestern zu finden", sagt Prof. Dr. Guido Engelmann, Chefarzt der Kinderklinik. Es sei besonders in der Weihnachtszeit schwierig, alle Betten belegen zu können. Die nun in den Fokus geratene Charité musste sogar im Dezember 2019 wegen des Personalmangels im Kinderkrebszentrum ein Aufnahmestopp verhängen. Neu an Krebs erkrankte Kinder und Jugendliche seien zeitweise an andere Einrichtungen verwiesen worden.

Nach dem Willen der Politik darf es an Berlins Universitätsklinik nicht mehr zu einem Aufnahmestopp kommen. "Die Klinik muss gewährleisten, dass so drastische Situationen wie ein temporärer Aufnahmestopp in der Kinderonkologie im Dezember 2019 nicht mehr vorkommen", erklärte der Berliner Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung Steffen Krach (SPD) am Donnerstag.