Massaker in Synagoge geplant

Mutter des Halle-Attentäters Stephan B. spricht: "Er hat nix gegen Juden in dem Sinne"

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15. Oktober 2019 - 15:43 Uhr

Interview mit der Mutter von Stephan B.

"Ich kann das nicht glauben, dass das mein Sohn sein soll!", ruft Claudia B. mit erstickter Stimme, beinahe schreit sie die Worte, als sie das Video sieht. Zu sehen ist der Attentäter von Halle in paramilitärischer Kleidung, der im Schutze eines Mietwagens Schüsse auf die Polizei abgibt. Stephan S, ihr Sohn. Der Doppelmörder. Seine Mutter hat mit Spiegel TV gesprochen.

Rechte Verschwörungstheorien

"Das ist nicht mein Sohn! So viel Verantwortungsbewusstsein hat mein Sohn, dass er das nicht ist", sagt Claudia B im Interview. "Gestern hat er für mich meine Sachen gebügelt und er kam rein und hat mich gefragt: 'Mama, was kann ich noch für dich tun, wie kann ich dir noch helfen?'", erzählt sie. Ihre Sprache wirkt verwaschen, sie spricht auffallend langsam, schleppend. Der Reporter hakt direkt nach: "Was hat ihr Sohn gegen Juden?" "Er hat ein falsches Vokabular. Er hat nix gegen Juden in dem Sinne. Er hat was gegen die Leute, die hinter der finanziellen Macht stehen. Wer hat das nicht?", so Claudia B. Eine rechte Verschwörungstherorie über das angebliche jüdische Finanzkapital.

Stephan B. selbst macht aus seiner antisemitischen Gesinnung keinen Hehl. Bei einer stundenlangen Haftvorführung nach seiner Festnahme hat er die Tat gestanden und auch seine "judenkritische Haltung" und rechtsextremistischen Motive eingeräumt. Ihm wird zweifacher Mord und versuchter Mord in neun Fällen zur Last gelegt.

Holztür verhindert höchstwahrscheinlich Massaker

"Hallo, mein Name ist Anon und ich glaube, dass es den Holocaust nie gegeben hat." Mit diesen Worten beginnt der 27-Jährige, der das Pseudonym Anon benutzt, einen Livestream, den er kurz vor der Tat auf der Onlineplattform "Twitch" postet, um die Tat via Smartphone an seinem Helm ins Internet zu übertragen. Rund 2.200 Zuschauer können aus der Ego-Shooter-Perspektive verfolgen, wie er kurze Zeit später versucht, die Tür einer Synagoge in Halle mit teilweise selbstgebauten Waffen aus dem heimischen 3D-Drucker aufzusschießen. Erfolglos. Im Stream ist zu hören, wie der 27-Jährige flucht, sich selbst als "Niete" und "Versager" beschimpft. Dann fährt er los und tötet wahllos zwei Passanten: Autogrammjägerin Jana L. (†40) und Kevin S. (†20).

"Er fühlt sich als weißer Mann verunglimpft?"

Die Tat hatte Stephan B. über mehrere Monate hinweg offenbar minutiös geplant. Ein "Manifest", in dem er seine Gründe und sein Vorhaben beschreibt, veröffentlichte er vor der Tat in einem sogenannten Imageboard im Internet. Seiner Mutter aber, bei der der 27-jährige Hartz-IV-Empfänger lebte, sei das nicht aufgefallen. In der gemeinsamen Wohnung hatte ihr Sohn ein eigenes Zimmer, das jedoch immer abgeschlossen gewesen sei. "Eine richtige Waffe hat er nie gehabt. Woher denn auch? Das gibt's in Deutschland nicht", sagt sie im Interview. "Er wusste genau die Waffengesetze und dass er das nicht darf und dass er das auch nicht macht."

Weshalb ihr Sohn zum Doppelmörder wurde, kann Claudia B. nur vermuten. Auch hier kommt wieder rechtes Gedankengut ins Spiel. "Er sucht nach den Menschen, die die weißen Menschen verunglimpfen." Der Reporter hakt nach: "Also, er fühlt sich als weißer Mann verunglimpft?" "Ja", entgegenet Claudia B. fast fragend. "Sie nicht?"

Das Protokoll des Anschlags von Halle – jetzt als Doku auf TVNOW.